Über Rockmusik, eine Provokation

von D. Seefeld
(Den Mitherausgebern dieser Seite ist es wichtig, zu betonen, daß sie die in diesem Artikel geäußerten Ansichten von Herrn Seefeld nicht uneingeschränkt teilen. Wir sind aber nicht Experten genug, seinen Argumenten etwas entgegen zu setzen. Wir fordern nachdrücklich dazu auf, Herrn Seefelds Provokation qualifiziert zu kommentieren!)

Rockmusik ist keine Kunst. Und nur deshalb, weil der Kommerz es nie schafft, das Künstlerische im Menschen gänzlich zu kolonialisieren, ist sie nicht gänzlich unkünstlerisch. Aber eben: keine Kunst. Was fehlt ihr dazu? Die Freiheit. Rockmusik hat sich nie emanzipiert. Weder von ihren pubertären Affektivitäts- und Konformitätszwängen geschweige denn von der dadurch ermöglichten Kommerzialisierung.
Das zeigt sich am deutlichsten in der Art ihrer Skandale: Rockmusik hat nie zu musikalischen, immer nur zu sittlichen Skandalen geführt, zu Skandalen ihrer Inszenierung, wenn Aufmerksamkeitsheischung mal wieder durch Bruch sittlicher Tabus bemüht wurde, indem z.B. die Musiker auf der Bühne kopulierten. Allenfalls die Intensivierung einer bestimmten Komponente des Tänzerischen könnte im weitesten Sinne als musikalisches Skandalum gelten, insofern käme sie aber über das Skandalpotential des Wiener Walzers nicht hinaus, auch der galt anfangs als unschicklich.
Genuin musikalische Skandale, wie sie z.B. mit Namen wie Schönberg, Strawinsky, Boulez, Cage, Ligeti verbunden sind, fehlen in der Sphäre der Rockmusik gänzlich. – Ein Grenzfall ist höchstens Punk und Heavy Metal, die aber schnell zur einfallslosen Masche und zur Pose erstarrten, zu einer Selbstgefälligkeit des Verneinens. Ihre Avancierung der musikalischen Mittel führte zur Degeneration, nicht zur Befreiung, denn schließlich kam es nur noch darauf an, wer am lautesten Grölen konnte. Daher auch die Affinität beider Richtungen zum Rechtsradikalismus.
Kunst lernt, erweitert ihre Möglichkeiten, befreit sich, wenn sie ausgeschöpft sind, von deren Beschränkung, durch Entwicklung neuer Möglichkeiten. Das wird als Radikalisierung erlebt, weil – wie z.B. bei Strawinskys Rhythmik – Entwicklung von musikalischen Möglichkeiten meist Stratifizierung und Differenzierung von musikalischen oder kompositionstechnischen Parametern ist, die vorher noch etwas von naiver Gegebenheit hatten. – In der Rock- und Pop-Musik hat sich gar nichts entwickelt, außer vielleicht die „sekundäre Qualität“: der Klang, durch immer neue technische Möglichkeiten seiner Elektrifizierung. Seit 50 Jahren die immergleichen Harmonien, die damals schon verbraucht waren durch 500 Jahre Musikgeschichte!
Es ist die Frage, ob es hier überhaupt um die Musik geht. Ohne immer neue Stars und ohne die Verbindung mit Text und Inszenierung wäre diese Musik längst so tot wie das barocke Menuett. Rockmusik ist eigentlich Theatermusik: Begleitmusik zu einer Inszenierung, keine eigenständige musikalische Kunstform. Dabei kommen die Darbietungen bei den Rockkonzerten über Affektiertheit, dumpfe Massenpsychologie, Starrummel und Sexualisierung, kurz: Kitsch, nicht hinaus. Das ist natürlich alles erlaubt. Es spricht nun mal viel im Menschen an, sonst wäre es nicht vermarktbar. Auch sehr gebildete und geistig freie Menschen können sich dafür begeistern. (Sie hören aber meist nicht nur ausschließlich solche Musik.) – Ich selbst würde eher die frühen Formen von Punk und Heavy-Metal hören (z.B. „Dead Kennedys“) wegen der avancierteren Ausdrucksmittel. Aber auch manche Rockstückchen höre ich nicht ungern, finde sie durchaus geschmackvoll, ansprechend und nicht immer einfallslos. Aber meist werde ich rammdösig, wenn ich diese Musik länger als 10 Minuten hören muß.
Es hat seine Ironie: Was als Rebellion der Jugend gilt, ist gleichzeitig ein Geschäft onkelhaft-beschränkter, stockkonservativer, älterer, dickbäuchiger Bosse alla Leo Kirch, denen es gleich ist, ob sie in weibliche Stars oder in Hühnerfarmen investieren, Hauptsache, die Rendite stimmt.