Über Interpretation

Dichtung ist keine Fachliteratur für Experten. Die überwiegende Zahl der Leser sind Laien, Dichtung hat ihr Leben in der Laieninterpretation.

Laien neigen dazu, in den Text irgendetwas hineinzulesen, was ihnen gefällt oder was ihnen das Kunstwerk verstehbar macht. Hineinlesen geht so: Ich ignoriere alles, was meiner Deutung widerspricht oder erkläre es weg mit willkürlichen Zusatzannahmen („ja, aber es kann doch sein, daß…“). – Das tun auch Experten, denn es gibt nie ganz stimmige Deutungen, es bleibt immer etwas hin- oder wegzuerklären. Die Frage ist nur: wie hoch und reflektiert ist der Anteil an Ignoranz und an Willkür?

Um nicht zu sehr der Beliebigkeit zu verfallen ist die Laieninterpretation angewiesen auf die Experteninterpretation. – Je beliebiger meine Deutung, desto weniger habe ich vom Kunstwerk, weil ich nur hineinlese, was ich ohnehin schon denke.

Die Experten beschaffen Denkwiderstände mit Hilfe von Wissen, Systematik und Interpretationserfahrung. Doch keiner Interpretation ist zu trauen, die zu scharfsinnig ist. Ein Kunstwerk ist kein Rätselheft.

Interpretation bedeutet nicht: kriminalistische Auswertung von Indizien, die für oder gegen eine bestimmte Deutung sprechen. Interpretation heißt: das subjektive Erleben der Dichtung zu versprachlichen, und diese Aussage immer wieder kritisch zu konfrontieren mit den Worten des Kunstwerks.

Die Kunst der Interpretation besteht darin, den Punkt finden, an dem Interpretation umschlägt in Exegese und Scholastik. – Für einen Denkwiderstand beim Interpretieren halte ich deshalb auch den Interpretationsaufwand. Die naheliegendere Möglichkeit ist zur Not diejenige, die dem Text eher gerecht wird: „Was suggeriert der Text hier? Wie läßt er sich spontan und intuitiv verstehen, so wie man es bei einer Aufführung verstehen würde, d.h. ohne es akademisch durchdenken zu können?“ 

 

(1) Indizienbeweise

Ein Beispiel für einen Indizienbeweis: Der Germanist und „Faust“-Interpret Arens schreibt, Goethe sei nie rhetorisch gewesen, Faust dagegen schon, also habe Goethe Faust mit dessen Rhetorikgebrauch charakterisieren wollen und zwar als aufgebläht mit hohlem Pathos. – Indirekt gesteht Arens damit schon ein, daß Fausts Redeweise so uneindeutig ist, daß man sie nur durch Vergleich mit Goethes Redeweise als hohles rhetorisches Pathos qualifizieren kann. – Generell halte ich die sprachliche Form in der Regel für zu uneindeutig um als Beleg für irgendwas gelten zu können. Will ein Autor mittels der Form etwas Konkretes mitteilen, muß das sehr sehr eindeutig sein. – Außerdem finde ich Interpretationen prinzipiell problematisch, die nicht den Text für sich selbst sprechen lassen, sondern ihn mit Rückgriff auf Informationen über den Autor und seine anderen Texte erklären wollen.

Selbst bei folgender Stelle bin ich im Zweifel, ob man sie als Indiz für irgendwas werten kann: Beim Eintritt in Margaretes Gefängniszelle, in der sie auf ihren Tod wartet, spricht Faust: „hier wohnt sie hinter dieser feuchten Mauer“. Durch das Wort „wohnen“ wird das Unwirtliche und Schaurige des Ortes relativiert und bagatellisiert, es entsteht ein „humoriger“ Widerspruch. Das würde man bei Wilhelm Busch erwarten, aber nicht hier, vor einem schockierenden Geschehen.

Ist das ein Indiz dafür, daß Faust nicht in der Lage ist, zu erfassen, unter welchem Schock Margarete steht? Und muß man dann seine Ausrufe: „werd ich den Jammer überstehen“, „du bringst mich um“ und „o wär ich nie geboren“ so deuten, daß er hier nur auf sein eigenes Leid schaut im Sinne von: „Ich kann dich nicht so leiden sehen, mach die Tür zu“? – In diesem Sinne deutet es Arens: Fausts Worte seien „doch schon etwas zu formelhaft um volles Gewicht zu haben. Außerdem zieht er es ja vor, am Leben zu bleiben“(Arens 464)).

Aber Arens Deutung kann nicht überzeugend darlegen, wieso Faust Margarete dann überhaupt retten will und dafür sogar seine Wette mit Mephisto riskiert. Ich würde eher davon ausgehen, daß „hier wohnt sie hinter diesen feuchten Mauern“ ein Lapsus Goethes ist, statt eine bewußte Botschaft durch die Form. – Möglicherweise hörte man das Wort „wohnen“ damals auch anders. (Das Grimmsche Wörterbuch legt das jedoch nicht nahe.) Ich würde bei einer Inszenierung nicht zögern, den Vers einfach zu streichen.

Auch vorher ist Arens deutlich tendenziös in seiner Beurteilung Fausts: Faust habe keine richtige Beziehung zu Margarete, er liebe sie nicht, das sehe man daran, daß er in „trüber Tag, Feld“ Margarete kein einziges Mal erwähne, und seine Beziehung zu ihr auch nicht, und er äußere auch keinen Schmerz über das von ihm ins Unglück gestürzte Mädchen, sondern nur allgemein seine humanitäre Entrüstung über soziale Mißstände. – Selbst wenn es so wäre: Würde das nicht gerade Faust auszeichnen, daß er Margarete rettet, obwohl er sie nicht liebt? Das wäre doch ein noch größeres Zeichen für nicht selbstbezügliche Menschenliebe, als wenn er ein Mädchen rettet, an dem sein Herz hängt!

Möglicherweise ist es in der Interpretation wie im Leben: Es ist nicht sinnvoll, Indizienbeweise bezüglich Gesinnungen zu führen. Im Leben ist das Inquisition und Stalinismus. Wer von realen Personen keine Liebesbeweise fordert, sollte es auch von literarischen nicht. Die Aussage: „Jemand, der so handelt, liebt nicht“ sollte transformiert werden in die Aussage: „Ein solches Handeln läßt sich nicht gut mit Liebe vereinbaren. Von jemandem, der liebt, würden wir etwas anderes erwarten.“ Damit haben wir statt einer Antwort eine Frage: „Liebt er sie wirklich nicht, oder welche Faktoren verhindern hier, daß seine Liebe in seinem Verhalten zum Ausdruck kommt?“

(2) Ignoranz

Wieso wählt Gott ausgerechnet Faust aus, als er mit Mephisto darüber diskutiert, ob der Mensch ein gelungenes Geschöpf ist? Dieser Frage muß die Interpretation der Faust-Figur gerecht werden. Wer aus Faust einen Dilletanten macht oder jemanden, der sich in hohlem Pathos aufbläht oder wer ihm eine narzistische Persönlichkeitsstörung attestiert – was hätte es für einen Sinn, wenn Gott so einen Menschen als Beispiel dafür anführt, daß es sich mit seinem Geschöpf anders verhält, als der Teufel glaubt?

An der Interpretation von Arens zeigt sich beispielhaft, wie anfällig wir dafür sind, unsere Überzeugungen gegen die Realität zu schützen. Er führt hunderte Beispiele dafür an, wie die Philologen Stellen ignorieren oder nicht nachvollziehbar umdeuten, tut aber selbst manchmal nichts anderes. So verträgt sich z.B. Arens Darstellung der Faust-Figur nicht damit, daß die Seherin Manto Faust einen Halbgott nennt. Arens argumentiert: in dem Moment, wo sie sage „Halbgötter treten heran“ habe sie erstens keine Sehergabe gebraucht, weil das Hufgetrappel in dieser Nacht, wie jedes Jahr, eindeutig Chiron angekündigt habe, und zweitens habe sie den Plural allein für Chiron gebraucht, Gott habe im Prolog ja auch von „Göttersöhnen“ gesprochen, obwohl es nur einen Gott gebe. Zudem, wenn Manto nach Faust frage mit den Worten „und dieser?“, klinge das nicht danach, daß sie nach einem Halbgott frage.

Zur Interpretation in der Schule:-„fackju göhte

Literatur:

(1) Arens, Hans: Kommentar zu Goethes Faust I und II, Heidelberg 1982 und 1989. –

Trotz meiner Kritik an Arens halte ich seinen Kommentar für den hilfreichsten – allerdings auch den anspruchsvollsten. – Vor allem die Fülle der Interpretationsbeispiele anderer renommierter Germanisten gibt eine satte Anschauung von den Irrungen und Wirrungen der Faust-Interpretation – und mutet oft an wie absurdes Theater…

(2) Die Begriffe „Denkwillkür“ und „Denkwiderstand“ stammen von einem der Pioniere der Wissenschaftstheorie: 

Ludwik Fleck, : Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, (1935), Frankfurt a.m. 1980,