„Parallelgeschichten“

Goethe „erfand“ die Technik der „Parallelgeschichten“, der sich gegenseitig spiegelnden Gebilde. Im zweiten Teil des Faust macht er davon systematisch Gebrauch, so sind z.B. die Geschichten von Homunkulus und Euphorion „Parallelgeschichten“ , genauso wie Teile von Mummenschanz und Klassischer Walpurgisnacht. Goethe folgt hier instinktiv der Arbeitsweise unseres Gehirns: Es filtert automatisch aus vielen Varianten das Invariante. Je mehr Varianten es erlebt, desto ausgeprägter wird das „implizite“, instinktive Wissen um das Invariante, das Wesentliche. Wer nur einen König kennt, weiß nicht, was an ihm typisch für Könige ist und was nur typisch für diesen einen König.

In unsere Geschichten „spiegeln“ sich Aspekte des Dramas:

1 Euphorions Wandlung : da will jemand ausbrechen aus beengten Verhältnissen und findet dafür schließlich einen Weg, der völlig anders ist, als das, was ihm vorschwebte…

2 Subversion im Himmel : Goethe forderte uns ausdrücklich auf, das, was er an seinem Faust-Text ausgelassen hat, zu ergänzen. Faust hat die Hölle verdient, aber landet im Himmel. Hier ist eine Fantasie darüber, wie das zugegangen sein könnte…

3 Briefe aus der Zukunft: Daniel (der Autor) behauptet: es sei eine Paralellgeschichte zum ganzen Faust. In einem sehr allgemeinen Sinn hat er nicht Unrecht. – Wie dem auch sei: Ich (W.L.) halte die kleine „Rhapsodie“ im Zusammenhang mit „Faust“ für einen ganz brauchbaren, interessanten Text.

4 Nachricht über eine außerirdische Intelligenz : eine Kritik der Ethik des Strebens…

5 Die Zivilisatoren: Faust will seine Vision vom „freiem Volk“ verwirklichen, buchstäblich auf Teufel komm raus. Diese Geschichte ist ein Kommentar zu solchen Formen von egozentrischem Altruismus…

6 Onkel Walters Höllenfahrt: Eine kleine Vignette über Teufelspakte für „kleine Leute“…

7 Die optimale Kombination: Noch eine Kritik an der Ethik des Strebens…

8 Psychiatergarn, mehrere Geschichten in einer Rahmenhandlung:

8.1 Schmetterlinge (über Aspekte des „Ewig-Männlichen“ – und wie Frauen darauf reagieren)
8.2 Der alte Kremp (eine Studie zu Philemon und Baucis)
8.3 Die Revolte (Erkenntnisse des „Faustischen“ anhand eines Gegenmodells)
8.4 Die Findelkinder (über das Streben: was passieren kann, wenn Menschen den Menschen ungenügend finden…)

9 Die Weltformel: über jemanden, der auch wissen wollte, was die Welt im Innersten zusammenhält, aber zu einem ganz anderen Ergebnis kommt als Faust…

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