Ideologieverdacht

Brief an die Kulturredaktion des „Spiegel“, zum Artikel „Mehr Friedriche als Frauen“, Spiegel vom 13.8.22. Kulturteil S.109: 

Sehr geehrte Damen und Herren,

daß mit dem „Faust“ jetzt keine Schüler mehr gelangweilt werden, begrüße ich. Obwohl: Margarete geht aus Angst vor einem Shitstorm zugrunde („Häckerling streuen wir ihr vor die Tür“), und Fausts Monolog zu Beginn ist Pubertät pur. Doch ich traue der Schule nicht zu, das so vermitteln zu können, daß es junge Leute begeistert. (Allerdings habe ich einige Lehrer getroffen, die das trotz Curriculum hinkriegen – weil sie selbst begeistert sind.)

In Ihrem Artikel mahnen Sie an, die Schullektüre sei auch ohne „Faust“ zu wenig repräsentativ: zuwenig Literatur von Frauen, people of coulor und Leuten der LGBTQ-Community.

Das Anliegen der Identitätspolitik ist Gleichberechtigung, Vorurteilsfreiheit und Desillusionierung männlichen und weißen Dünkels. Diesem Anliegen ist am besten mit genialen Texten gedient, egal ob von Friedrich oder Frieda. – Wer eine anspruchsvolle Sportart lernen will, würde eine gute Auswahl an Trainern treffen, keine repräsentative.

Was in der Schule gelesen wird, ist doch egal, Hauptsache es bildet. Und da ist das von der Geschichte Ausgesiebte – die Klassiker – geeigneter: gehaltvoller, raffinierter, und – wenn es richtig vermittelt wird – einfach faszinierender.

Wir haben damals – in den Siebzigern – von Siegfried Lenz „Deutschstunde“ lesen müssen. Ich habe es keine 10 Seiten weit geschafft. „Man fühlt die Absicht und man ist verstimmt.“ – Was Ihr Artikel propagiert, sollte veraltet sein: Daß Erwachsene sich ausdenken, was gut für die weltanschauliche Erziehung sei, statt was geeignet ist, Heranwachsende zu faszinieren und sie zu befähigen, sich Spitzenleistungen zu erschließen. Denken können die dann alleine.

Wenn ich Ihren Artikel lese, bin ich – selbst nach 40 Jahren noch – ein weiteres Mal erleichtert, die Schule hinter mir zu haben!

Es wäre sowieso nicht viel damit getan, ein paar Texte auszutauschen. Es würde darum gehen, Bildung vom bildungsbürgerlichen Mißverständnis zu befreien, und im Sinne der Klassiker neu zu denken: Nicht als Ernst, Anstrengung und Statussymbol sondern als Spiel, Begeisterung und Lebenssinn.

Über einen Kommentar würde ich mich freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Winfried Lintzen

 

Weiterlesen:

fackju göte – zu Klassikern in der Schule

Über ungebildete Bildung in: „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage„, (Kritik an ARD und ZDF) Abschnitt „ungebildete Bildung“ (Hintergrund 4)

Wieder hochaktuell: Schildbürgerpreis für den Spiegel Über Solarthermie (von 2012)