Fausts Problem

(Die Texte dieser Seite sind runterladbar als PDF hier.)

Übersicht:

(1) Problemstellung: Worunter leidet Faust und was ist daran im Leben eines jeden
Menschen ein Problem, auch wenn viele sich dessen nicht bewußt sind?

(2) Faustische Verblendung (Faust und Sorge)

 

(1) Um welche Lebensprobleme geht es im Faust?

Es geht im „Faust“ um die Verzweiflung über das Ungenügende und Beschränkte unserer Existenz:

  • Ein 50 jähriger Mann wird wütend: Er hat sich sein Leben lang um Erkenntnis bemüht, umfassender und radikaler als alle anderen, doch sein Fazit ist: Auf die uns Menschen wirklich bewegenden Fragen gibt es keine glaubwürdigen Antworten: auf die Fragen danach, welchen Anfang und welche Zukunft das Universum hat, warum es überhaupt Leben gibt, was nach dem Tod kommt und welchen Sinn das Dasein hat. Nichts davon können wir erkennen, alle Theorien, alle Interpretationen und Weltbilder sind nur Gedankenspielerei, „Schauspiel“.
  • „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern“ – dieser Satz könnte von Faust stammen, der das Wort „Logos“ aus dem neuen Testament lieber mit „Tat“ als mit „Sinn“ übersetzt. Doch auf die Tat, die menschliche Gestaltungsmacht, kommt er erst später wieder zurück.
  • Zu dem Zeitpunkt, als Mephisto ihm den Pakt anbietet, geht es Faust um einen Beweis: Wenn das Streben nach Daseinserkenntnis zum Scheitern verurteilt ist, dann ist auch das Leben selbst nichts wert. – Wie kommt Faust darauf? Wieso erlebt er die menschliche Existenz so, daß nur die Daseinserkenntnis ihr Wert und Würde verleiht?
  • Faust spaltet die menschliche Existenz in zwei Teile: Außer dem Erkenntnisstreben gibt es für ihn im Leben nichts als animalischen Lebensvollzug, der sich erschöpft in Ruhm-, Macht- und Besitzstreben, Liebesleben und Familiengründung. All das ist auf die banale Formel zu bringen: Vermeiden von Schmerz und Genuß von Lust. Das ist ein Kreisen in der vorgegebenen animalischen Ausstattung des Menschen, die wir nicht selbst wählen oder gestalten können. Den Forderungen der Natur genüge tun, sich brav zufriedengeben mit dem, was wir an Naturgegebenheit hinnehmen müssen: das ist für Faust eine Selbstentwürdigung. Und jeder Genuß, jeder Wunsch nach Verweilen des Augenblicks ist für ihn ein solches billiges Sich-zufrieden-geben mit der Befriedigung eines Bedürfnisses, ein Sich-zufrieden-geben mit dem Lohn, den die Natur uns gewährt, wenn wir brav erfüllen, was sie uns Menschen an Aufgaben in Form animalischer Bedürfnisse auferlegt hat. Das erlebt Faust als knechtisch. Das kann er prinzipiell nicht mit der Vorstellung eines gelungenen, erfüllten Lebens in Verbindung bringen, selbst wenn ein Mensch alles, aber auch wirklich alles erleben und bewältigen würde, was es im Leben an Freude und Leid, Erfolg und Mißerfolg geben kann.
  • Faust erlebt das Menschsein so, daß Menschen eigentlich befähigt sein müßten, sich aus ihrem tierhaft beschränkten Kreis von Naturgegebenheit erheben zu können. Faust findet, Menschen müßten eine „freie Kraft“ sein, die „durch die Adern der Natur“ fließt und „schaffend“ „Götterleben“ genießt. Deshalb will Faust beweisen, daß das menschliche Leben wegen des Widerspruchs von Göttlichkeit und Animalität nur scheitern kann, selbst wenn man in die Lage versetzt wird, alle Glücksmöglichkeiten der menschlichen Existenz ausschöpfen zu können. Und er will beweisen, daß ein Mensch, der all dieses verstanden hat, sich von keinem höchsten Glück der Welt mehr bestechen läßt, zu so einer Existenzform „Ja“ zu sagen, und einen Augenblick höchsten „natürlichen“ Glücks zum Verweilen aufzufordern.
  • Dieser grundsätzliche Zweifel am Leben ist „frevelhaft“: er intendiert, was uns Menschen nicht zukommt: einen Standpunkt außerhalb des Menschseins einzunehmen und die menschliche Existenz von da aus zu bewerten.
  • Wenn das der Religion früher als Sünde galt, als „frevelhafte Vermessenheit“, so liegt darin die Wahrheit, daß ein solches Beginnen leicht in Menschen- und Lebensverachtung enden kann und dem daraus folgenden destruktiven und antisozialen Verhalten; und daß es logisch in eine Aporie führt: die des „performativen Selbstwiderspruchs“:
  • Wenn ich vom Menschen nichts halte, muß ich das ja mit eben jenem menschlichen Urteilsvermögen tun, von dem ich nichts halte. Was ist dann davon zu halten? (Die antike griechische Philosophie brachte diesen Widerspruch auf eine anschauliche Formel: Ein Kreter sagt: „Alle Kreter lügen.“)
  • Solches „frevelhafte“ Überschreiten von Grenzen und Zulassen geächteter Mittel und Motive, wurde in der Sprache der Religion als „Teufelspakt“ verstanden. – Und Faust zögert nur einen Augenblick, für sein großangelegtes frevelhaftes Experiment auch frevelhafte Mittel zu nutzen: er verschreibt sich Mephisto, er verschreibt sich der Aggression und Skrupellosigkeit – die er freilich oft wieder zurückzunehmen versucht oder vor sich selbst verabscheut (z.B. in seinem Versuch, Margarete zu retten oder in seinem Ausruf: „Schon wieder Krieg, der Kluge hörts nicht gern“).

Eine „Parallelgeschichte“ zum Verständnis des Teufelspakts: „Onkel Walters Höllenfahrt

Eine m.E. fragwürdige Deutung der Wette zwischen Faust und Teufel bietet Eibl an: https://www.goethezeitportal.de/fileadmin/PDF/db/wiss/goethe/faust_eibl.pdf