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Aktualität: Was bringt es, sich mit diesem Drama zu beschäftigen? Die altertümliche Form (gereimter Text) schreckt ab und läßt eine alte Klamotte vermuten, der nur noch von Philologen und antiquierten Bildungsbürgern Wert beigemessen werden kann. Das möchte ich jetzt in drei Schritten richtigstellen:
1 Inhalt: Wie aktuell ist das Drama?
2 Vom Nutzen des Dramas für das Leben: Welche Vorteile hat eine "poetische" Darstellung moderner Lebensprobleme im Gegensatz zu einer intellektuellen Abhandlung?
3 Um welche Lebensprobleme es im „Faust“ geht: Was von dem, unter dem Faust leidet, ist im Leben eines jeden Menschen ein Problem, auch wenn viele sich dessen nicht bewußt sind?
4 Aspekte des Faustischen heute 4.1.1 Politisches Handeln zwischen Faustischer Verblendung und Schildbürgerstreich? 4.1.1.1 Überforderung des Menschlichen: Zum Berliner Bankenskandal (16.02.11) 4.1.1.2Ackermaniana, eine Bemerkung zum Bankgeschäft(18.01.11) 4.1.1.3 Glosse über Besinnungslosigkeit (27.12.10) 4.1.1.4 Alkoholisierte Politiker, Berliner Stadtschloß und Atomkraft, ein Rundumschlag (05.07.11)
Der „Faust“ ist ein Kompendium genialer Pointierungen menschlicher Konflikte und Lebensthemen, ein Feuerwerk sprachlicher und kabarettistischer Virtuosität und eine brandaktuelle Story:
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(2) Vom Nutzen des Dramas für das Leben
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(3) Um welche Lebensprobleme geht es im Faust?
4 Aspekte des Faustischen heute Inhalt: 4.1 Faustische Verblendung 4.1.1 Politisches Handeln zwischen Faustischer Verblendung und Schildbürgerstreich? 4.1.1.1 Überforderung des Menschlichen: Zum Berliner Bankenskandal 4.1.1.2 Ackermaniana, eine Bemerkung zum Bankgeschäft 4.1.1.3 Glosse über Besinnungsmangel 4.1.1.4 Faust als Dilletant. 4.1.1.5 Alkoholisierte Politiker, Berliner Stadtschloß und Atomkraft, ein Rundumschlag (05.07.11)
4.1 Was macht Faust blind? Das Abweisen der Reflexion auf seine Einstellung und sein Selbstverständnis, auf seine in seiner Persönlichkeit ausgebildeten Bestrebungen und deren Ziele. Für Faust muß es unbedingt so sein, daß er einen freien Grund für ein freies Volk schafft. Es muß so unbedingt sein, daß er sich das durch kein Nachdenken, keine "Sorge" madig machen läßt. Faust hat nicht die seelische Stärke, zu hinterfragen, ob es sich mit ihm selbst, mit seinen Vorhaben und mit der Welt wirklich so verhält, wie er glaubt. Daß er auch nur ein Mensch ist und irrt, würde er natürlich zugeben. So dumm kann ja keiner sein, sich was anderes anzumaßen. Aber er möchte lieber nicht wissen, wo er alles irrt und in welchem Ausmaße. Das würde die Bestände seiner Seele bedrohen: das, was ihm Identität, Selbstwert und Lebenssinn verleiht. All das wird durch die Sorge gefährdet. Deshalb weist er sie ab: "denn deine Macht oh Sorge, schleichend groß, ich werde sie nicht anerkennen!" - Und er muß erfahren, daß das Abweisen der Sorge seinen Preis hat: Blindheit - eine Blindheit mit der man alles gefährdet, was einem eigentlich existentiell am Herzen liegt: die wesentlichsten und wichtigsten Intentionen des eigenen Lebens, der eigenen Persönlichkeit, das eigene Lebenswerk... Die Intention Goethes kann nicht gewesen sein, daß wir uns gegenseitig vorwerfen, zu faustisch verblendet zu sein. Diese Art von Verblendung gehört zum Menschen, davon werden wir uns nie gänzlich "reinigen" können. Seine Faust-Figur hilft uns aber, uns diesen Zug unseres Menschseins in "Reinkultur" veranschaulichen zu können. - Also: es ist Unsinn, anti-faustische Helden zu verlangen. Solchem Ansinnen kann man nur mit einem der genialsten Aussprüche der deutschen Literatur begegnen: "Traurig ein Land, das Helden nötig hat!" (Brecht). Faust hat das noch nicht begriffen, er möchte noch ein Held sein und findet Helden toll. Er fragt den weisen Centauren Chiron: "Doch von den heroischen Gestalten, wenn hast du für den Tüchtigsten gehalten?" Und der renommierte Arzt Chiron, der Faust für therapiebedürftig hält, macht mit Faust eine Realitätsprüfung, um sodann seine Alternative zum Heldenparadigma zu benennen: "Im hehren Argonautenkreise war jeder brav, auf seine eigene Weise. Und nach der Kraft die ihn beseelte, konnt er genügen, wo´s den andern fehlte. ... Gesellig nur läßt sich Gefahr erproben...". - Wir Menschen haben gegenüber allen anderen Lebewesen den Vorteil, daß wir uns nicht nur rudelhaft gegenseitig ergänzen sondern auch: uns gegenseitig korrigieren können! Faust hat von Chirons Kurztherapie leider nichts profitiert. Und so wird seine Geschichte zum Drama eines Menschen, dessen Sinn für die Notwendigkeiten und Chancen von Sozialität mangelhaft ausgeprägt ist, dem es an sozialer Intelligenz fehlt. (Zum Begriff "soziale Intelligenz" vgl. meine "Weltformel" in "Extras".) Das Faustische und das Schildbürgerhafte liegen nahe beieinander. Wieso? Was beide eint ist Dilletantismus: Faust ist schon formell ein Dilletant: ein Philosoph, der den Staatsmann spielt. Aber noch viel mehr ist er in der Sache ein Dilletant: wie ein Schildbürger ist er so verliebt in seine Ideen, daß sie ihm sogleich so toll, so schön, so wahr, so gut, so stimmig erscheinen, daß sie ihm „alternativlos“ dünken. - Und das ist tragisch: die Fäustchen, ob Bahn- Pharma- oder Bankmanager, ob Politiker oder Unternehmer: Sie wollen meist bloß das Gute. Und vor lauter unbändigem Drang, ihre tollen Ideen zu realisieren, reißen sie mit Hintern und Hüften weit mehr ein, als sie mit den Händen aufbauen... Im Folgenden können nun Beispiele "faustischer Verblendung" im zeitgenössischen Alltag gesammelt werden. (Ich veröffentliche hier auch gerne Fremdtexte!) Goethe hat in der Faust-Figur einen wichtigen menschlichen Zug "auf eine Formel gebracht". Und wie alle Formeln können auch die "ethisch-ästethischen Formeln" nur durch die Empirie kritisiert und verbessert werden. Vielleicht ließen sich manche der hier geschilderten Vorgänge viel banaler erklären: mit Karriere- oder Machtstreben oder Korruption. Doch gehen wir als Gedankenexperiment doch einmal von der Annahme aus (die ich persönlich auch für realistischer halte), daß die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik nicht weniger charaktervoll und hochgesinnt sind und Gutes wollen, als der Durchschnitt der Bevölkerung. Das ist viel interessanter: Wie ist es unter dieser Bedingung erklärbar, daß dennoch die Handlungen der Akteure oft so niedrig, korrupt, ungerecht, blödsinnig, kurzsichtig, unheilvoll und manchmal sogar geradezu bösartig wirken? Wie ist es möglich, daß selbst intelligente, lebenserfahrene Menschen mit hochherzigen Motiven auch ohne niedrige Gesinnung oder Charakterlosigkeit ihre eigenen Intentionen torpedieren und Unheil heraufbeschwören für die Sache und die Menschen die ihnen am Herzen liegen?
4.1.1 Politisches Handeln zwischen faustischer Verblendung und Schildbürgerstreich? Die folgenden Texte werde ich grundlegend überarbeiten. Sie sind zu nah an meinem Ärger entstanden und ich wollte offenbar mich durch Polemik entschädigen. Polemik ist etwas Expressives und Ästhetisches. Der Polemiker ist mehr bei sich als bei der Sache. - Mit einem modernen psychoanalytischen Ansatz gesprochen: Polemik entsteht, wenn eigene Betroffenheit die "Mentalisierungsfähigkeit" beeinträchtigt, die Fähigkeit, sich bewußt zu werden, was in der eigenen Seele gerade los ist und die Fähigkeit, sich in die Seelen anderer hineinzuversetzen. Ist diese Fähigkeit beeinträchtigt, z.B. durch starke Gefühle, regrediert man auf den Modus der "psychischen Äquivalenz": Wie das Kind im Halbdunkel Angst vor dem Bademantel hat, der ungewohnterweise im Flur hängt, und ihn für einen Geist hält, wie dieses ängstliche Kind schwer zu überzeugen ist, weil es seinen inneren Zustand für äußere Realtität hält, so glaubt auch der Polemiker, daß die Wirklichkeit genauso ärgerlich sein muß, wie der eigene Ärger es nahelegt. Deshalb hält der Polemiker seine polemischen Einfälle für ganz toll und verwechselt, wie der Dilletant, "ganz toll" mit "wahr". Die folgenden Texte bringen also auch meine eigenen Tendenzen zur Verblendung zum Ausdruck. - Allerdings bitte ich um mildernde Umstände: Frei nach Lessing möchte ich formulieren: Es gibt Dinge, wem die nicht die Mentalisierungsfähigkeit verschlagen, der hat kaum eine.
4.1.1.1 Überforderung des Menschlichen. Anmerkung zum Artikel über den Freispruch von Herrn Landowsky im Tagesspiegel vom 15.02.2011 Landowsky scheint ein Beispiel dafür, wie sehr die Kräfte, mit denen es Menschen in Politik und Wirtschaft zu tun bekommen, das Menschliche überfordern: Maßgeblich mitverantwortlich für die Pleite einer stadteigenen Bank, die Berlin noch für Jahrzehnte in ihrer Handlungsfähigkeit beeinträchtigen wird, zeigten sich die Grenzen seiner Verantwortungsfähigkeit indem er von einem "Freispruch erster Klasse" sprach. Dabei mußte er - soweit ich verstanden habe - nur deshalb freigesprochen werden, weil dem Bundesverfassungsgericht aufgefallen ist, daß die Tatbestände der Untreue juristisch noch zu unelaboriert sind, zu eng, um sie auf einen Fall wie diesen anwenden zu können! (Diese Lücken im Gesetzbuch lassen vermuten, daß der Gesetzgeber selbst sich "amigohaft" verhalten hat, indem er unterließ, das geschäftliche Verhalten von Politikern und Topmanagern hinreichend zu normieren... vgl. Spiegel-Online vom 21.03.2007.) Der Schaden geht langfristig in die Milliarden, doch Landowsky wirkt wie ein Schuljunge, der was angestellt hat, aber mit scheinheiliger Empörung ausruft: "Ich hab doch gar nichts gemacht!" - Nichts könnte besser Nietzsches Aphorismus veranschaulichen, daß Menschen ihren schlechten Taten nicht gewachsen sind. - Wenn wir Bürger da mit Wut reagieren, ist das nur allzu nachvollziehbar. Doch trotzdem falsch. Denn wer kann schon von sich behaupten, ein besserer Mensch zu sein? Wir Menschen sind gut genug, wenn trotzdem Unheil geschieht, zeigt das nur, daß unser Gemeinwesen noch nicht ausreichend entwickelt ist. Folgenden Sinn können wir Brechts Ausspruch "Traurig ein Land, das Helden nötig hat" geben: Traurig ein Land, dessen Politik und Wirtschaft darauf angewiesen ist, moralische Helden zu haben, damit kein Unheil geschieht. - Unsere Vernunft und Weisheit wird sich in immer ausgefeilteren Möglichkeiten niederschlagen, wie wir uns gegenseitig besser darin unterstützen können, unsere Entscheidungen und Verhaltensweisen auf moralische Fragwürdigkeit zu untersuchen und zu korrigieren so daß wir uns immer schlechter an unseren eigenen ethischen Maßstäben vorbeimogeln können. Vielleicht hätte es schon gereicht, wenn ein differenzierteres Gesetzbuch Herrn Landowsky eindeutig klargemacht hätte, was er da eigentlich tut. In unserer Kultur wird Leistungsfähigkeit trainiert, nicht Besinnung. Uns treibt der unsublimierte Alfa-Männchen und Alfa-Weibchen Trieb: Karriere zu machen, Erfolg zu haben gilt als Inbegriff eines gelingenden Lebens. Die Folge: manche Heranwachsenden haben schon mit 16, spätestens mit 18 Jahren keine Zeit mehr für persönliche Entwicklung und Reifung. Das Engagement für Ausbildung, Beruf und Politik, Wohlfahrt oder Vereine wird durch Erfolge, die die Aussicht auf Belohnung durch Karriere immer realistischer machen, derart angetrieben, daß die jungen Leute für nichts anderes mehr Zeit und Sinn haben. Das bedeutet, daß sie keine Chance haben, wahrzunehmen und zu erkennen, was das Erlebte und Widerfahrene wirklich bedeutet, sie bekommen nur die Oberflächenbedeutungen mit. Sie haben nicht einmal Zeit, ihre eigenen Gefühle von Unstimmigkeit oder Unbehaglichkeit bei dem Geschehen und Handeln wahrzunehmen, geschweige denn eigene Antriebe und Motivationen, z.B. bezüglich intriganter, korrumpierter oder manipulativer Verhaltensmomente zu hinterfragen. Gäbe es meine parodistisch gemeinte diagnostische Kategorie wirklich (VIPS), würde ich einiges darauf verwetten: Landowsky hatte ein chronifiziertes VIPS als er Berlins Geld verflüchtigte: Er litt, in VIPS-Kategorien gesprochen, unter einem chronischen Halbrausch bei unzureichend entwickelter Persönlichkeit. - Das VIPS ist reversibel und Persönlichkeit bildet sich bis zum letzten Atemzug: Jetzt hätte Landowsky die Möglichkeit, sich Zeit zu nehmen. Und er könnte einiges von dem, was er angerichtet hat wieder gut machen, wenn er eine bekennende Analyse des Geschehenen schreiben würde: eine Analyse der Versuchungen, denen Führungskräfte wie er ausgesetzt sind, der Möglichkeiten bestehende Korrektive zu umgehen, der Beziehungsdynamik in den unvermeidlichen Seilschaften, in denen man in solchen Positionen hineingerät und den eigenen, einer sozialisationsbedingten Fehlentwicklung geschuldeten, persönlich-moralischen Unzulänglichkeiten. Eine solche Studie würde die Chance erhöhen, daß unser Gemeinwesen sich verbessert und wäre das verspielte Geld vielleicht wert... Falls mir einmal ein Fehler dieser Art unterlaufen wird, würde ich mir wünschen, die seelische Kraft zu haben, der Wahrheit über mein Handeln ins Auge zu blicken um wenigstens noch eine Fehleranalyse anfertigen zu können... Was können wir an dieser Geschichte über das Faustische lernen? "Faustisch" wäre, wenn ein Politiker glaubt, daß er unbedingt seine Macht ausbauen muß durch Begünstigung mächtiger Lobbies, weil er die Realisierung seiner Visionen für so nötig hält, daß man dafür ruhig schon einmal ein wenig unkorrekt sein dürfe. (Ich unterstelle Herrn Landowsky diese Intention nicht sondern fingiere sie bloß zu Zwecken der Interpretation und Veranschaulichung, was das "Faustische" ausmachen könnte.) - Was dabei Fausts Situation ähnelt ist: Den Verantwortlichen ist ein Scherbenhaufen entstanden, wo das Lebenswerk stehen sollte, obwohl sie doch nur nach etwas Gutem gestrebt haben! (Ja, das haben sie. Aber sie haben weder ihre Ziele noch ihre Mittel ausreichend zur Diskussion gestellt!) - Kein Mensch ist vor einer solchen Fehlentwicklung des eigenen Lebenswerks gefeit. Und keiner möchte im Alter auf ein Lebenswerk zurückblicken, das in so einem Ausmaß Ressourcen vernichtet, Belastungen geschaffen, Entwicklungen verzögert und Menschen geschadet hat. Kein Wunder, daß Landowsky einer solchen Tat nicht gewachsen ist. Ich wärs wohl auch nicht... 4.1.1.2 Ackermaniana, eine Bemerkung zum Bankgeschäft Da möchte jemand was Gutes tun, indem er die größte deutsche Bank managed. Dafür muß die Bank Profit machen. Dafür muß sie was verkaufen. Nun sagt ein großer Kaufmannssohn (Thomas Mann): "Die Kaufleute sind alle Betrüger". Wie sieht das bei den Bankkaufleuten aus? - Süddeutsche vom 9.1.11 Seite 27, die Leiden der Bankberater: Der Druck auf Angestellte wird größer: sie sollen Finanzprodukte verkaufen, die für die Kunden nicht von Vorteil sind sondern nur für die Bank. Konkret sieht das so aus: Der Banker ruft seinen Kunden an und schlägt ihm vor, sein Depot zu aktualisieren: es gebe neue, günstigere Finanzprodukte. - Wer will nicht die "Arbeit" seines Geldes effektivieren? Natürlich weiß nur der Bankberater, daß mit dem Produkt, das er verkauft, für den Kunden keine Vorteile verbunden sind, nur Kosten. Aber was soll er machen? Verramscht er den Mist der Bank nicht, kommen immer öfter peinliche Verhöre beim Vorgesetzten: der macht richtig Druck. - Als Suchttherapeut sieht man sie dann, die Mitbürger, die den Konflikt zwischen ihrem Gewissen und dem betrügerischen Handeln, zu dem sie genötigt werden, mit Alkohol zu betäuben versuchen. Unser Stand der Zivilisation verträgt sich nicht mit Bankgeschäften. - Ein Chef wie Ackermann untergräbt das Gute, das er mit seiner Arbeit leisten will, indem er sein Personal immer manischer zur Schmierigkeit animieren läßt. Doch den Raubbau an der Moral eines Gemeinwesens sieht man lange Zeit genauso wenig, wie den Raubbau an der Natur... (Natürlich muß sich jeder Kritiker der Ökonomie fragen: "Was würde ich eigentlich tun, wenn ich morgen aufwachen würde und Chef der Deutschen Bank wäre? Den Job hinschmeißen? Oder ihn als verantwortungsethische Herausforderung annehmen?) Ergänzung vom 11.02.2011: Daß Bänker auch in viel größerem Maßstab betrügen, in jener Grauzone zwischen Betrug und Geschäft, in der man juristisch nur schwer und nicht immer von Betrug sprechen kann, das schildert ein Artikel im Spiegel Nr. 6 vom 7.2.11. Mephistophelischer Geschäftssinn trifft auf Schildbürger: Man fragt sich nach der Lektüre, warum die Kommunalpolitker unser Steuergeld nicht gleich auf der Pferderennbahn verzocken. - Doch so einfach ist es dann doch nicht: Ich persönlich jedenfalls kann nicht dafür garantieren, daß ich 2002 der Aura der seriösen Professionalität der Bänker nicht auf dem Leim gegangen wäre, sondern verstanden hätte, daß es sich bei den angebotenen Finanzprodukten um nicht besseres als Pferdewetten gehandelt hätte, nur – eben – in so großem Maßstab, daß man sich nicht träumen ließe, daß ein seriöser Bänker einem so ein Produkt andreht... Besinnungsmangel: ein verhaltensinduziertes Psychosyndrom? Eine Glosse. Sie behaupten, nicht auf den Kopf gefallen zu sein, in hohem Alter sind sie selten und über ihren Alkoholkonsum verraten sie lieber nichts: die Very Important Persons unserer politischen und wirtschaftlichen Eliten. Ein irreversibles Hirnorganisches Psychosyndrom (HOPS) ist bei ihnen daher eher unwahrscheinlich, denn die mit dieser degenerativen Erkrankung verbundenen irreversiblen Veränderungen des geistig-seelischen Leistungsprofils entstehen in der Regel durch hohes Alter, schwere Kopfverletzungen und langjährigen Alkoholkonsum. Dennoch: Muß nicht gefragt werden, ob Banker, die gemeingefährliche Finanzprodukte auf den Markt bringen, aktuell je nur eingeschränkt schuldfähig sind? Oder Politiker und Bahnfunktionäre, die für eine fragwürdige Eisenbahn-Rennstrecke in der Provinz nicht nur den Ausbau der teilweise eingleisigen Strecke Berlin-Prag blockieren sondern überhaupt die logistische Entwicklungsfähigkeit der Bahn finanziell abwürgen? Oder ein Sarrazin, der zugibt, daß seine psychologischen Studien zur Intelligenz von Vorgestern sind, aber dann im 21. Jhd. die Behauptung vertritt, Deutschland bekäme Probleme, weil die Dummen sich zu sehr vermehren? Haben die VIP´s vielleicht ein VIPS (VerhaltensInduziertes PsychoSyndrom)? - Wenn jemand mehr als 12 Stunden täglich arbeitet, sollte das Vorliegen einer geistig-seelischen Beeinträchtigung diskutiert werden: Menschen, die fast nichts anderes tun als Arbeiten und Lesen und wahrscheinlich wenig schlafen, kommen gar nicht mehr dazu, Erlebtes und Erlesenes zu verarbeiten. Sie können darauf nur noch mit ihren angelernten Denk-Reflexen reagieren, die sich unmittelbar in Überzeugungen umsetzen, denn Hinterfragen verbraucht Zeit und Konzentration. Sie befinden sich sozusagen in einem ständigen fahrlässigen Halbrausch. (Zum Vergleich: Th.Morus konzipierte in seiner „Utopia“ ein Gemeinwesen, in dem höchstens 6 Stunden täglich gearbeitet wurde um den Rest der Zeit der Kultur und dem Nachdenken zu widmen. Und von Thomas Mann ist bekannt, daß er bis zu 10 Stunden und länger täglich schlief. Das sind also die Leute die zuviel Zeit haben!) Beim verhaltensinduzierten Psychosyndrom sind vergleichbare Symptome zu beobachten, wie beim hirnorganischen (allerdings sind sie beim verhaltensindzuierten reversibel): verringerte emotionale Schwingungsfähigkeit; eingeschränkte Erlebnis- und Lernfähigkeit; Verlust an Kreativität; Fixierung an eingeschliffene Denk- und Verhaltensweisen; zunehmende Ignoranz in Form der Unfähigkeit, Neues in seiner Bedeutung ermessen oder über den Tellerrand hinausblicken zu können. - Und auch darin ist das VIPS dem HOPS ähnlich: in der Unfähigkeit zur Einsicht in die Beeinträchtigung. Die Verringerung der umfassenden geistig-seelischen Leistungsfähigkeit kann von den VIPSlern nicht wahrgenommen werden, weil ihnen ihr eingeschränkter seelischer Zustand zur Normalität geworden ist und weil dieser Zustand einhergeht mit überdurchschnittlicher Teil-Leistungsfähigkeit bezüglich Intelligenz und Arbeitspensum, d.h. bezüglich Routine- und Rechenleistungen, „strengem Ordnen“ und „raschem Fleiß“, wie es Faust selbstgefällig von sich selbst sagt... Diese „gefühlte“ Leistungsfähigkeit gilt den Betroffenen als Gewähr dafür, geistig-seelisch „auf der Höhe“ zu sein – so wie manche angetrunkene Autofahrer sich nie fahrtüchtiger fühlen als in diesem Zustand und das zufällige Gelingen von Fahrmanövern, die sie im nüchternen Zustand als riskant erleben würden, als Beweis dafür „empfinden“... Um dem Bild gerecht zu werden muß allerdings hinzugefügt werden: in Politik und Wirtschaft gilt als „gelingendes Fahrmanöver“ alles, was nicht zur Totalhavarie führt, also auch das Übersehen roter Ampeln, das Schrammen von parkenden Fahrzeugen, das Umnieten von Verkehrsschildern und Leitplanken, das Überfahren von Passanten... "Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt, die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muß, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken." (Friedrich Nietzsche)
Interessant ist die Tatsache, daß konservative Politiker offensichtlich öfter alkoholisiert im Straßenverkehr auffallen. (Tragisch-ironisch auch der österreichische rechts-außen Haider, der sich als der Anwalt der "anständigen Bürger" aufspielte und alkoholisiert mit 1.8 pm und über 70 km Geschwindigkeitsüberschreitung tödlich verunfallte.) Offensichtlich sind Konservative mehr auf Alkohol angewiesen als andere - denn: wie wichtig muß der Alkohol sein, wenn jemand nicht darauf verzichten kann, obwohl er weiß, daß er gleich noch fit sein muß, weil er sich ans Steuer setzt! - Alkohol führt dazu, daß man besser "abschalten" kann, daß man sich heiter und unbeschwert fühlt, die Erschöpfung nicht mehr spürt, aber vor allem: die inneren Konflikte nicht mehr. Gut möglich, daß Konservative mehr davon haben, daß sie mehr Bedarf haben, die eigenen Lügen nicht wahrhaben zu wollen. - Sicher haben sie aber auch ein größeres Problem mit den Konflikten zwischen den Interessenstrukturen, die sie bedienen und ihren eigenen Werten: Sie spielten sich z.B. als Anwälte des ungeborenen Lebens auf, aber gleichzeitig forcierten sie (bis Fukushima sie eines besseren belehrte) Atomkraft. (Ein solcher Spagat läßt sich mit Alkohol natürlich besser aushalten.) Dazu kommt, daß konservative Werte meist rigidere Kompromißbildungen zwischen Triebansprüchen verkörpern. - (Komisch übrigens daß bei der Endlagerung von Atommüll immer nur Geologen gehört werden, keine Historiker. Schon tausend Jahre Menschheitsgeschichte reichen aus, um den härtesten und tiefsten Salzstock durchlässig zu machen wie einen Sandhaufen. Man denke nur einmal daran, was über Englands Städten abgeregnet wäre, wenn Hitler über Gorleben verfügt hätte....) Und damit wären wir wieder bei Faust: Hier haben wir wieder genau diese Formel: glauben, etwas gut zu machen aber weil es an Bereitschaft und geistiger Flexibilität zur Verständigung mangelt, setzt man seine operativen Vermögen de facto für Blödsinn oder gar Bösartigkeit ein. Die glücklichsten dieser "Fäuste" nehmen - wie ihr berühmtes Vorbild - ihre Illusionen mit ins Grab. Erst die Nachgeborenen schütteln die Köpfe und sind traurig für ihre Ahnen, über deren Tragik, die eigenen Werte durch das eigene Tun selber so unterlaufen, ja verraten zu haben. Nur Mephisto grinst höhnisch...:
("Gröfaz": damalige, verballhornende Abkürzung für Hitler: "Größter Feldherr aller Zeiten")
Nachsatz zumThema: Alkohol und kraftfahrende Politiker Wiesheu wurde einige Jahre nach seiner todbringenden Trunkenheitsfahrt bayrischer Verkehrsminister. Haben die Bayern damit den Bock zum Gärtner gemacht? An sich nicht. Eigentlich ist jemand, der einen Unfall überlebt hat, hinterher erfahrener als jemand, der keinen hatte. Aber mir ist nicht bekannt, daß Wiesheu als Verkehrsminister sich besonders der Sache annahm, von der man ausgehen kann, daß sie jemandem, der deswegen ein Menschenleben auf dem Gewissen hat, zum Lebensthema wird: Trinken und Fahren. - Wiesheu hielt sich mit 1,75 pm für fahrtauglich. Das ist wie jemand, der in einer Feuerwehrkapelle den Takt angibt und deshalb glaubt, auch Beethovens Neunte dirigieren zu können. (Diese Verkennung läßt auch vermuten, daß er oft betrunken gefahren ist.) Die oberste deutsche Bischhöfin Frau Käßmann hatte auch nicht wesentlich weniger Promille als Herr Wiesheu, als sie erwischt wurde. Wie kommt es, daß Menschen, die weder dumm sind, noch Hasadeure, sondern eigentlich als intelligent, zuverlässig und verantwortungsbewußt gelten, daß die so gedankenlos gemeingefährlich werden? Wie ist eine solche Verleugnung, ein so krasser Realitätsverlust bei einem gesunden Menschen möglich? Diese Frage verweist auf ein strukturelles Probelm: Wir sind eine trinkfreudige Kultur. Alkohol ist uns so wichtig, daß es bezüglich Trinken und Fahren eine unausgesprochene Lizenz zum Nicht-wissen-wollen gibt. Alkoholisiert Autos steuern gilt als Kavaliersdelikt, und "gefühlte" Fahrtüchtigkeit als wirkliche. Genau hier hätten Frau Käßmann als so hochprominentes Opfer der deutschen Sauf-Ideologie und Herr Wiesheu als hochrangiger Alkoholstraftäter wirklich etwas ausrichten können, wenn sie sich öffentlich persönlich gegen diesen menschenfressenden Umstand engagiert hätten. (Welcher Deutsche weiß schon etwas darüber, wieviele Steuerungsfunktionen durch den Alkohol eingeschränkt werden, wie stark die Unfallwahrscheinlichkeit mit der Promillezahl zunimmt usw.? Das gehörte in einer ebenso trinkfreudigen wie automobilen Kultur ins Allgemeinwissen!) Daß gerade Herr Wiesheu diese Chance, wenigstens ein bischen was wieder gut zu machen, (bis jetzt) nicht genutzt hat, ist für mich ein Zeichen einer relativen aber erwartbaren Beschränktheit und Feigheit. Es läßt einmal mehr vermuten, daß der Durchschnittspolitiker wohl hauptsächlich nur über den Willen zur Macht (zur Karriere) verfügt, weniger über den Willen zur Verantwortung und wohl noch weniger über den Willen zur Gestaltung. Wie Landowsky (s.o.) vermittelt Wiesheu das Bild eines in gewissem Sinne nur eingeschränkt Schuldfähigen. - Doch können wir, die sich noch nicht so tragisch verfehlt haben, da überhaupt mitreden? Jeder von uns muß sich fragen, ob wir es besser machen würden. Wäre Wiesheu völlig charakterlos, hätte er es wahrscheinlich nicht in die Parteispitze geschafft. Wie kommt es, daß so jemand trotzdem wie ein begossener Pudel unter seiner Schuld steht? Daß er nur abwehrend auf seine Schuld reagieren kann, indem er sie zu verleugnen sucht, seine Opfer beschuldigt und lächerlich fadenscheinige Gutachten einbringt? Daß er offenbar zu einfallslos ist, aus seiner Schuld sich eine Pflicht zu machen? Die Frage zeigt, daß wir auch hier gewöhnt sind, Helden zu fordern, moralische Helden. Wahrscheinlich ist Herr Wiesheu ganz in Ordnung. Er ist eben bloß kein Held. "Traurig ein Land, das Helden nötig hat": dieses Brecht-Diktum entlastet auch CSU-Politiker. Der Mißstand ist ein kultureller: daß es immer noch heldenmütig ist, eine öffentliche und aufrichtige Fehleranalyse zu leisten (statt, wie Frau Käßmann, einfach bloß zurückzutreten). In dieser Beziehung ist unsere Kultur noch nicht weit entfernt von der Barbarei... - Ein Grund mehr, die Politiker mit ihrer schweren Aufgabe nicht alleine zu lassen. Die Politiker sind gut genug. Wir sind auch nicht besser. Wir sollten nicht Überdurchschnittlichkeit und Heldenhaftigkeit von ihnen fordern, wir sollten sie nicht unter zusätzlichen Leistungsdruck stellen, sondern mit anpacken...
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