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 Übersicht:

(1) Allgemeine Hinweise zur Verständlichkeit

(2) Verständlichkeitshilfen zu einzelnen Personen, Szenen oder Akten

 

(1) Allgemeine Hinweise zur Verständlichkeit

  • Der "Faust" ist weit leichter zu verstehen, als die Interpretationsscholastik, die Generationen von Philologen um das Werk gesponnen haben, vermuten läßt! Doch zunächst erscheint der Text schwer verständlich. Warum?
  • Goethe war ein Geschichtennarr. Der Fausttext ist ein Patchwork: Ob Gott oder Galathea, ob die Gottesmutter Maria oder die Phorkyaden, ob Persephone oder Mephisto: Goethe montiert Figuren aus den verschiedensten Geschichten. („Mythos“ ist ein altgriechisches Wort für „Geschichte.“) Von diesen Geschichten muß man was kennen, sonst wird der Text flach und Zusammenhänge werden nicht erfaßt. Der Epilog hat z.B. zweifellos kabarettistische Züge (z.B. die Regieanweisung: Mater Gloriosa: schwebt einher). Aber wer hinter dem Komischen nicht dasjenige sehen kann, was dazu geführt hat, dass Menschen sich einmal solche Figuren ausgedacht und heilig gehalten haben, der kriegt das Wesentliche nicht mit. Was kann man mit den alten Geschichten und ihren Figuren anfangen? Mit der Mär von den gefallenen Engeln? Mit Mephisto? Mit der Muttergottes und den „Müttern“? Mit dem ganzen mythologischen Gespensterwesen von Hexen, Elfen, Gnomen, Zentauren, Lamien und Meergeistern? Diese Fragen zu beantworten: das hätte ein guter Kommentar zu leisten…
  • Mephisto z.B. kann man auffassen als Personifikation menschlicher Aggression, Triebhaftigkeit und Devianzbereitschaft. Eine solche Auffassung ist immer auch eine Verkürzung, weil sie der Bedeutungsentfaltung der Figur enge Grenzen setzt. Dennoch trifft sie aber auch etwas Richtiges und kann als erster, provisorischer Kristallisationspunkt hilfreich sein bei der Orientierung in der Fülle der Aspekte und Auffassungmöglichkeiten des bildhaften Geschehens des Dramas.
  • Erschwert wird die Verständlichkeit (vor allem in Faust 2) dadurch, daß der Zuschauer oft einen langen Atem haben muß, bis sich die Textfülle zu einer "Gestalt" formiert. Ähnlich wie in der Musik das Gewicht der "Gestaltbildung" in manchen Werken mehr auf dem Einzelton liegt, wie z.B. in einer Bachfuge, in anderen dagegen die meisten Töne nur eine klanglich-"statistische" Rolle spielen (z.B. bei Rachmaninoff): so wechseln auch im "Faust" Passagen, in denen es auf jedes Wort ankommt mit "redseligen" Passagen, wo mit Worten Bilder und Athmosphären erzeugt werden. - Wie soll z.B. das Keifen eines alten Weibes (Phorkyas) anders als durch einen Wortschwall auf die Bühne gebracht werden? Und wie soll die Versöhnlichkeit der gleichen alten Frau anders als durch Redseligkeit dargestellt werden, wenn sie merkt, daß die jungen Frauen sich für das interessieren, was sie zu sagen hat? Nur wenn man dieses "Bild" erlebt (was z.B. in der Stein-Aufführung sehr gut vermittelt wird), ermüdet man nicht, wenn Phorkyas in minutiöser Ironie den gotischen Baustil beschreibt und verliert in der Fülle der Worte nicht die Orientierung.
  • An dieser Szene läßt sich anhand der Gestalt der Phorkyas beispielhaft zeigen, wie das mit den "poetischen Formeln" funktioniert: Der Zuschauer weiß zwar, daß Phorkyas keine alte Frau ist, sondern daß Mephisto sich diese Larve von den Phorkyaden entliehen hat, der Zuschauer durchschaut auch die Strategie der Mädchen, die sich der alten Frau nur anbiedern wollen, weil sie die Macht hat, sie zu retten; an der Oberfläche erscheint jedoch folgende Gestalt: Eine alte Frau, die offenbar mit den Herausforderungen der Jugend und des Alterns nicht klargekommen ist und jetzt, angestachelt von uneingestandener sexueller Frustration und Neid, sich in heftigsten Schmähreden auf die jungen Frauen ergeht, wird plötzlich wohlwollend gestimmt, als sie das Interesse der jungen Frauen an ihr wahrnimmt: sie ist plötzlich wichtig für die Mädchen, die sich um sie scharen und ihr ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Es ist eine "poetische Formel" dafür, wie Sinn an die Stelle von Sexualität treten kann: die Alte partizipiert an der Jugend der Jungen, an der "Macht" der Jugend, indem sie wichtig für sie ist, in dem sie sozusagen zur Hüterin, zur Retterin der jungen Frauen wird. Gleichzeitig sehen wir außerdem, wie wir zu dieser "Naturtatsache" des Lebens in Distanz gehen können, indem wir sie für unsere Zwecke nutzen, denn beide Seiten spielen sich nur etwas vor, doch jede Seite muß ihren Part überzeugend spielen, wenn sie eine Chance haben will, daß die andere Seite ihr auf den Leim geht. (Ein anderes Beispiel für eine "poetische Formel" finden Sie in meiner Kritik der Stein-Inszenierung unter Nereus.)

(2) Verständlichkeitshilfen zu einzelnen Personen, Szenen oder Akten

 

Übersicht:

(2.1) Anmerkungen zu Fausts Wette.

(2.2.) Anmerkungen zu Faust und Margarete 

(2.3) Hinweise zur klassischen Walpurgisnacht

(2.4) Helenaakt

(2.4.1) Zu: siehe unter Punkt (2.4.3) sowie den Link: Phorkias

(2.4.2) Zu Euphorion: siehe unter Punkt (2.4.3) sowie den Link: Euphorion

 
 

(2.1) Anmerkungen zu Fausts Wette: siehe unter: Um welche Lebensprobleme es im Faust geht

 

(2.2) Anmerkungen zu Faust und Margarete (18.12.10)

Ein Leitthema des "Faust" ist die Schwierigkeit von Verzicht. Verzicht ist Konflikt, innerer Konflikt zwischen unvereinbaren Werten, hier: Fausts Liebe zu Margarete und sein Wunsch nach ungebundenem "Jäger und Sammler"-Dasein das weder zeitlich, räumlich noch sexuell Rücksicht auf einen Beziehungsanhang nehmen muß. Nachdem sich Faust mit Mephisto ein Erfolgsrezept für weltlichen Erfolg gesichert hat, ist es für ihn besonders schwer, auf ein "Jagen und Sammeln" zu verzichten, bei dem er kaum Mühen und Mißerfolge zu erwarten braucht. - Diese Konstellation zeigt schon, wie sehr Faust seine "Experimentalanordnung" zu kurz gedacht hat: er will Freiheit, Vielfältigkeit, Totalität - aber dafür bräuchte er mehrere Leben! Denn auf die "inneren" Freiheiten, z.B. die Sinnmöglichkeiten und Synergien, die aus gelingender Partnerschaft und gelingendem Familienleben resultieren, muß Faust mit seinem Lebenskonzept verzichten, weil Partnerschaft und Familie schon allein mindestens ein halbes Leben an Zeit beanspruchen. (Daß er später mal die Möglichkeit bekommt, in einer Art "Zeitblase" (oder "Zeitraffer"), mit einer Partnerin zusammen einen Sohn aufzuziehen, konnte er weder ahnen noch planen. Doch als er diese Chance bekommt, zeigt sich, wie sehr sein Ich-bezogener Jäger- und Sammler-Instinkt die Situation verkennt und es "vermasselt".)

Faust ist nicht der Unmensch, als den man ihn neuerdings so gerne darstellt. Faust ist wohl die erste Figur der dramatischen Literatur, die einem dramenästhetischen Prinzip gehorcht, das Brecht erst fast ein Jahrhundert später formuliert und anwendet: eine Persönlichkeit, in der sich wünschenswerte, nahezu "heldenhafte" mit problematischen, ja bösartigen Zügen, mit "Verlierer"-Eigenschaften vereinen. - Faust ist seinem Selbstverständnis nach - nicht seinem Handeln nach - Humanist:

  • Von Beginn an ironisiert und entwertet er den Teufel: Die Wette hat u.a. auch den Zweck, es dem Teufel zu zeigen: ihm zu zeigen, wie sehr er gegen den Menschen ins Triviale, Beschränkte abfällt und wie wenig er den Menschen wirklich erfassen kann.
  • Faust ist abgestoßen von menschlichen Niederungen, wie er sie in Auerbachs Keller vorgeführt bekommt.
  • Faust ist erschüttert über Margaretes Schicksal und riskiert alles, um sie zu retten.
  • Faust läßt sich durch die Nymphen nicht zu erotischen Ersatzhandlungen bestechen sondern sucht nach einer Verbindung, die für ihn stimmig ist.
  • Er ist berührt von seiner eigenen menschlichen Kleinheit angesichts der Hochgebirge.
  • Er sieht trotz scharfer Kritik im Kaiser auch gute Züge und ist betroffen von dessen Scheitern.
  • Er will die Elemente den Menschen nutzbar machen und ein freies Land mit freien Bürgern schaffen.
  • Er erkennt die Integrität von Philemon und Baucis prinzipiell an und will sie großzügig dafür entschädigen, daß sie ihr Grundstück räumen, er will ihnen nichts Schlechtes. Wieder ist er erschüttert um den Ausgang der Umsiedlungsunternehmung, er schreibt sich selbst durchaus Verantwortung zu, so sehr, daß er sich gegen seine Schuldgefühle in seine Vision zurückziehen muß - daß er für diesen Rückzug den Preis des Realitätsverlusts zahlen muß, davon weiß er nichts, dafür ist er persönlich und psychologisch zu ungebildet, zu unfähig, bestimmte Dimensionen seiner Selbst und der Anderen zu reflektieren: so versteht er z.B. gar nicht, was die Alten haben, wieso sie so hartnäckig an ihrem elenden Besitz festhalten, wo er ihnen doch viel schöneren versprochen hat.


Genau darin: in seiner Fehleinschätzung der Forderungen der Sozialität, in seinem durch seine unreflektierte Profilierungssucht "selbstverschuldeteten" Empathiemangel, genau darin liegt seine "Schlechtigkeit":

  • Er ist hilflos, die Beziehung zu Margarete seinen eigenen konflikthaften Motivationen gemäß zu gestalten (dazu hätte er nicht mehr Nähe zulassen dürfen, als mit seinem inneren Konflikt vereinbar) und als er merkt, daß es schiefläuft, haut er ab ins Gebirge, statt ihr zu sagen, wie es um die Beziehung steht und Verantwortung zu übernehmen für alles, was er durch sein Ungestüm angerichtet hat.
  • Er macht den verhängnisvollen Bluff Mephistos am Kaiserhof mit, ja ist "williger Vollstrecker" von Mephistos Projekt, weil es ihm selbst zu gute kommt.
  • Er ist unfähig, seinem Sohn Euphorion sein eigenes Leben zu lassen.
  • Für seinen "guten Zweck", mit der er sich geschichtsmächtig profilieren will ("nicht in Äonen untergehen") sind ihm die unheiligsten Mittel recht: Betrug, Bürgerkrieg, Deportation. Denn über seinem Profilierungstrieb verliert er den Kontakt zur Realität, weil er auf Einwände aus seinem Innern (Sorge) nicht hört sondern sie entschieden abweist, so sehr "braucht" er für sein Ego seine "Projekte". Er ist "egozentriert", verhaftet in seiner Welt im Sinne einer spezifischen seelischen Unangepaßtheit: er kann kaum erfassen, was in der "Welt" der andern Menschen vorgeht. (So etwa auch der Logistiker und ehemalige Bahnchef Mehdorn, als er den Berlinern den Flugplatz Tempelhof als Park nicht gönnte, weil er meinte, die hätten schon genug Parks.)


Doch zurück zu Margarete. Faust hat offenbar kaum Beziehungserfahrung. Deshalb kann er nicht nur nicht voraussehen, was er Margarete antut sondern nicht mal, was er in und für sich selbst durch die Verbindung mit Margarete "anrichtet". Um das zu beschreiben, können moderne Konzepte aus Neuropsychologie und Psychoanalyse genannt werden: implizites Gedächtnis, Lerntheorie, Bindungs- und Objektbeziehungstheorie. Wir sind von der Biologie auf Beziehung programmiert, was allein schon an der Sprachfähigkeit abzulesen ist. Beziehungen verändern unser Gehirn. In ihrer seltsamen Sprache nennt die Psychoanalyse das "Introjekte", verinnerlichte "Objektrepräsentanzen". Das, was wir an Glückserfahrungen mit einem andern Menschen machen, vergessen wir nie mehr. Und sie sind unaustauschbar, unverwechselbar, unrelativierbar, unersetzbar, wegen der Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen, die das gemeinsame Erleben und das Erleben der Gemeinsamkeit prägt. Vieles davon "sinkt" ab ins implizite Gedächtnis: ist uns bewußt gar nicht mehr verfügbar, wir denken nicht dran, spüren es nicht, und es ist trotzdem da. - Faust verdrängt Margarete, als er ins Gebirge geht ("Wald und Höhle") aber Mephisto "triggert" die impliziten Gedächtnisgehalte und holt sie ihm lebendig vor Augen. - Auch später: Nach der Helena-Episode gerät Faust beim Betrachten der Wolken in einen hypnotischen Zustand - und wer hat darin das letzte Wort? Nicht Helena, sondern Margarete ist diejenige, die "das Beste seines Innern" mit sich fortträgt.

Es spricht viel dafür, daß Goethe sein ganzes Leben lang die Liebe zu Friederike, seiner Jugendliebe, in sich bewahrte, vor der er geflüchtet war, weil er zu entscheiden hatte im Konflikt zwischen der Verantwortung für die Ressourcen seines Lebens und der Verantwortung für das, was zwischen ihnen entstanden war. (Sein Werk wäre vermutlich zwar anders, aber nicht weniger bedeutend geworden, wenn er sie geheiratet hätte - aber wie soll ein junger Mann das wissen?) - Es ist frappierend und scheint die "Objektbeziehungstheorie" zu bestätigen, daß der über 80-jährige auf die Idee kommt, Faust nach der Helenaepisode wieder, dem Herzen nach, zu Margarete zurückkehren zu lassen und daß diese Liebe es ist, die ihn vor dem Teufel rettet. Vorstellbar ist, daß der über 80 -jährige vielleicht seine Jugendliebe im Sinn hatte, als er dichtete: "Und niemand hält Erwünschtes fest in Armen, der sich nicht nach Erwünschterem töricht sehnte, das höchste Glück, an das er sich gewöhnte, die Freude flieht er, will den Frost erwarmen".

(2.3) Hinweise zur klassischen Walpurgisnacht


(2.4) Helenaakt

(2.4.1) Zu Phorkias

(2.4.2) Zu Euphorion: siehe nächsten Punkt (2.4.3) sowie den Link: Euphorion

(2.4.3) Interpretierende Inhaltsangabe (30.10.10)
  • Faust hat Helena von Persephone, der Herrin der Unterwelt, losbitten können. "Nun soll sie ... auf den Boden von Sparta zurückkehren, um als wahrhaft lebendig dort in einem vorgebildeten Hause des Menelas aufzutreten, wo denn dem neuen Werber überlassen bleibe, inwiefern er auf ihren beweglichen Geist und empfänglichen Sinn einwirken und sich ihre Gunst erwerben könne." Zwei Aufgaben also für Mephisto: Er muß Helena in Kontakt mit Faust bringen und er muß irgendetwas inszenieren, womit Faust ihr imponieren kann, ohne daß gilt: "man fühlt die Absicht und man ist verstimmt".
  • Von Persephone freigebegen, "auferstehen" Helena und ihre Dienerinnen von den Toten. Doch sie finden sich als Überlebte in einer neuen Welt, sie sind wie Immigrantinnen aus einer traditionellen Kultur, die es nach Neukölln verschlagen hat. - Mephistos Aggression gegen sie (der sich als "Phorkyas" maskiert hat), wirkt mehr als nur gespielt, wenn man bedenkt, was er durchzumachen hatte auf seiner Suche nach einem Zugang zu dieser alten Kultur. Deshalb konstatiert er nun so hämisch, wie gespensterhaft, rückständig und unwissend die Mädchen sind. Und später betätigt er sich mit narzistischer Befriedigung als Trainer zum Bestehen des Einwanderungstests: er erklärt ihnen, was Gotik ist und was Wappen sind. Doch zunächst wird Helenas Rückkehr zu ihrem Vaterhaus von Schuldgefühlen getrübt: sie fürchtet eine Strafe dafür, ihrem Gatten untreu geworden und dadurch mitverantwortlich zu sein für den 10-jährigen Krieg, der mit der Vernichtung Trojas endete. Dann entdeckt sie Phorkyas, die Ur-Häßliche. Durch das Geschmähe- und Geschimpfe, das sich ihre Dienerinnen mit Phorkyas liefern, indem beide Seiten sich vorwerfen, Gespenster zu sein, kommt Helena noch deutlicher mit ihren Gefühlen von Schuld, Angst und Verwirrung in Berührung: Sie fragt sich, wer sie ist und wie sie bei all den widersprüchlichen Bestimmungen überhaupt begreifen kann, wer sie ist: durch ihre außergewöhnliche Schönheit "hochbegünstigt" von den Göttern aber Famme-Fatale im furchtbarsten Sinne sowie Klatsch-umsponnene Promi-Frau, die aus den verwirrenden und widersprüchlichen "Rückmeldungen" der mannigfaltigen Phantasien, Gerüchte und Unterstellungen, die über sie in Umlauf sind, das Zutreffende vom Unzutreffenden trennen muß. Diese Aufgabe, stellt sich jedem Menschen, denn unsere Identität kann sich nur aus den Rückmeldungen der anderen bilden, eventuell noch aus den Rück-"Wirkungen" unseres Wirkens auf die Dinge. Bei Prominenten zeigt sich diese Problematik jedoch in besonderer Deutlichkeit.
  • Die durch die Schuldgefühle nahe gelegte Vermutung, in einer Straforgie ermordet zu werden, nutzt Mephisto aus. Bei Helena selbst, die der Zukunft gefasst entgegenblickt, hat er damit keine Chance. Aber er macht den Dienerinnen der Helena solche Angst vor Hinrichtung, daß Helena um derentwillen sich bereit erklärt, sich auf einen Rettungsversuch einzulassen: Sich in die Obhut Fausts zu begeben. Damit bringt Mephisto nicht nur den Kontakt zwischen den beiden zustande sondern exponiert Faust sogleich als tüchtigen und mächtigen, als "starken Mann", als einer Helena würdig.
  • Noch einmal werden die Ängste der Mädchen geschürt, die Angst vor dem Neuen beim Übergang vom "Auffanglager" in die "neue Welt". Erotik stellt sich schließlich als das Verbindende heraus: das Entzücken über die versprochene goldgelockte Jünglingsschar. Faust bekommt die Macht der "Famme-fatale" zu spüren, die allein durch ihr Erscheinen seine Mannen aufsässig zu machen droht. Er kann das aber als Chance nutzen, indem er noch einmal klarstellt, wer hier das Sagen hat. Das Liebesglück währt nicht lange: die Nachricht kommt, daß Menelas die Burg erobern will. Ob das nun alles von Mephisto geschickt inszeniert ist oder echt: Faust kann durch die internen und externen Konflikte seine Macht und Stärke demonstrieren. Dann endlich ist es geschafft: die beiden können sich in das Liebesbett Arkadiens fallen lassen.
  • Phorkyas übermittelt den Dienerinnen, die draußen bleiben, die neuesten Neuigkeiten: Helena und Faust haben einen hochbegabten Sohn, ein "Naturwunder" wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Die Dienerinnen wollen nicht akzeptieren, daß es erst einer Verbindung mit der "neuen Welt" brauchte, um so ein Wunder zu erzeugen. Doch Phorkyas hält ihre Kultur mit der Geburt Euphorions endgültig für überholt und abgewirtschaftet. Euphorion ist die große Freude seiner Eltern. Seine Eigenständigkeit können sie nicht ertragen, sie haben Angst, ihn zu verlieren, wenn er eigene Wege geht: "nicht ins Verwegene!" Er ist Liebling aller, der Eltern sowohl wie der Mädchen, ohne sich dafür im Geringsten anstrengen zu müssen. Diese "Leichtigkeit des Seins" hält er nicht aus. Und darin hat er Recht: Wie seine Mutter hat auch er ein Identitätsproblem, denn Identität entsteht nur aus den Rückmeldungen von Menschen und Welt auf das eigene Wirken. Von den Eltern am Entdecken der Welt gehindert, von den Mädchen umschwärmt, scheint ihm nur der Ausweg zu bleiben, eines der Mädchen, das sich ihm verweigert, zu vergewaltigen. Als ihm das nicht gelingt, stellt er wieder frustriert die "Enge" seiner Welt fest. Bei seinem erneuten Versuch, dieser Enge zu entkommen, lässt er sich nicht mehr von seinen Eltern "anhalten": Er entdeckt den Freiheitskrieg der Griechen gegen die Türken und ist hingerissen von der Idee, sich für die Unterdrückten zu engagieren, wenn's sein muß, mit Einsatz des eigenen Lebens. Aber auch hier unterschätzt er völlig die wirksamen Kräfte: spontan und unvorbereitet, wie er losstürzt, kommt er schon beim Aufbruch zu seiner Unternehmung ums Leben: ein völlig unnötiger und absurder Tod.
  • Helena folgt Euphorion in die Unterwelt, Faust kehrt in seine Welt zurück, gefolgt von Mephisto. Und die Dienerinnen? Nur die Oberdienerin lässt ihre Herrin nicht im Stich. Die andern wollen nicht zurück ins Totenreich und sind froh, aus den Fängen der "neuen Welt" befreit zu sein und wieder ihrem angestammten Wesen freien Lauf lassen zu können, wieder ihre eigene Sprache sprechen zu dürfen, ohne Angst vor Abwertung und Zurechtweisung. Sie lösen sich in die Natur auf... (Ich bitte das nicht als Kritik an der Integrationswilligkeit von Migranten zu verstehen! Integrationsunwillig in diesem Sinne sind höchstens die Männer, die lieber alles so hätten, wie sie´s gewohnt sind. Die Frauen, vor allem die nachwachsende Generation, wird die Vorteile "wittern" und immer weniger bereit sein, sie sich vorenthalten zu lassen. - Die Integration wird von den Frauen vorangetrieben werden! Die Männer werden länger brauchen, um zu verstehen, daß auch sie davon Vorteile haben...- Nein, das ist kein Kulturchauwinismus! Ich sage ja nicht, daß wir nicht in eben dem Maße Vorteile von den Menschen der anderen Kulturen haben, die bei uns stranden, von ihren Werten, ihrem Wissen und ihrem Können, von ihrer Ausprägung des Menschlichen. Aber es hat keinen Sinn, die Augen davor zu verschließen, daß es verschiedene Entwicklungsniveaus gibt, daß man traditionelle und moderne Gesellschaften nicht wie Äpfel und Birnen miteinander vergleichen kann... Es ist doch das gleiche wie innerhalb unserer eignen Kultur: Einer, der noch an den Weihnachtsmann glaubt, kann trotzdem intelligenter, geist- und charaktervoller und eine reifere und differenziertere Persönlichkeit sein, als einer, der gar nichts mehr glaubt. Und doch ist der Gläubige, trotz aller Überlegenheiten, noch nicht so weit, von seinem Glauben lassen zu können. Diesbezüglich ist der Ungläubige ihm einfach einen Schritt voraus... (Der Ungläubige hat in jedem Fall mehr Freiheit von etwas - aber dadurch noch lange nicht mehr Freiheit zu etwas.) Ist´s da noch ein Wunder, daß Phorkyas und die Mädchen ständig miteinander keifen?)
  • Stein erlaubt seinem Mephisto, "im Epilog das Stück zu kommentieren", wie Goethes rätselhafte Regieanweisung am Ende des 3. Akts lautet. Solchen "Epilog" erlebe ich wegen der ironischen Distanz, die solche Zuschaueradressierung schafft, prinzipiell als vorteilhaft. Er ist in Steins Inszenierung auch nicht ganz unwitzig. Aber ich hätte mir schon gewünscht, Stein hätte Goethe wörtlicher genommen: solche "Einlagen" bieten immer die Möglichkeit, durch gezielte Hinweise das Verständnis des gerade Gesehenen zu erleichtern und dadurch das Nacherleben zu vertiefen. (Es versteht sich natürlich, daß solche Hinweise nicht nur zielführend sein müssen sondern auch "formal" passend, d.h. dem Witz der Situation genugtuend, aber vor allem: geschickt an Text und Geschehen anknüpfend, so daß sie nicht nur performativ sondern auch inhaltlich wie ein leichtes "Überschwappen" oder "Ausblühen" wirken, nicht wie ein Aufsatz!) - Ebenso dumm wie deplaziert finde ich allerdings die Aufforderung zum Trinken, mit der der Epilog endet. Soviel Einfallslosigkeit hätte ich nicht erwartet! [Alkohol im Theater]

 

 

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 02. Februar 2012 um 19:48 Uhr