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Zu dem, was nach Goethes eigener Aussage uns Lesern am Faust "zu supplieren übrigbleibt" gehört vielleicht auch, was Margarete leisten mußte, um die Voraussetzungen für Fausts Rettung zu schaffen. Hier wäre dazu ein Vorschlag - bei dem die Rolle der Margarete allerdings ein Mann übernimmt... (Noch ein Tipp: es gibt Fremdworterklärungen am Schluß.)
Subversion im Himmel Eine Übung im Fabulieren mit mythischem Material
1 Ich war in Gott. Wogen überbordenden, unfaßbaren Glücks wechselten mit seliger Gestilltheit. Nicht also, als ob mir irgend etwas gefehlt hätte. Doch in der Stille konnte ich etwas Störendes spüren, ganz schwach und vage. Die Große Seligkeit, in die ich gelöst war, riet mir, es nicht zu beachten, dann verlöre es sich ganz schnell, es seien noch Nachempfindungen aus dem Purguratorium. Doch ich konnte mich einfach nicht beruhigen. Es lag etwas in diesem Störgefühl, eine Ahnung, die etwas Wichtiges zu sagen zu haben schien, und ich hatte keine Ruhe, bevor ich nicht wusste, was es war. Das muß die Ausstrahlung meiner Seligkeit verringert haben und der Großen Seligkeit unangenehm geworden sein, jedenfalls fühlte ich, dass sie sich aus mir ein wenig verflüchtigte. Dadurch wurde ich konzentrierter und konnte das Störende deutlicher spüren und endlich konnte ich es identifizieren: Sie war nicht da und sie würde nicht kommen! Nicht, dass sie mir gefehlt hätte, ich sagte ja: es fehlte an nichts, an gar nichts. Aber es tat mir so leid, so beklemmend leid, dass sie vom Himmel ausgeschlossen war, denn alle im Himmel wußten: da draußen, das war kein guter Ort. 2
Sicher, sie hatte schwere Fehler. Wo sie auftauchte entstand Störung, Unordnung und Unfriede und - wo sie länger blieb - Misslingen, Zerwürfnis und Schmerz. - Aber: ich liebte sie. Und ich wusste um ihre Verzweiflung (die sie sich selber nur in ganz wenigen Momenten eingestand). Sie war eine Frau, nach der Mann sich sehnt: Ihre Gesichtszüge waren wohlgeformt, edel und intelligent; ihr Haar dunkel und voll; ihre Gestalt war reinstes Ebenmaß, nicht die geringste Übertreibung, nicht der geringste Mangel, nicht die geringste Unverhältnismäßigkeit. Kurz: alle weiblichen Schlüsselreize waren in idealster Weise ausgeprägt. Sie war mir intellektuell weit überlegen: sie sprach drei Sprachen fließend, spielte konzertreif Klavier und war eine brilliante Mathematikerin. Ihre Persönlichkeit hatte jedoch sehr unangenehme Züge. So hatte sie z.B. eine Art, Menschen beiläufig zu entwerten, ganz subtil aber total: Ich hatte einmal den Schlüssel zu einem relativ unbedeutenden Spint des Instituts verloren und mir ihren geborgt. Sie verlangte ihn zu einem völlig unsinnigen Zeitpunkt zurück. Sie gab an, Angst zu haben, dass ich ihren Schlüssel auch noch verlöre, obwohl sie vorher noch nie erlebt hatte, dass mir ein Schlüssel weggekommen war. Ich hatte in der Woche zuvor einige kleine Fehler gemacht, alle ziemlich unbedeutend doch in der Institutsöffentlichkeit nicht ganz unpeinlich. In diesem Kontext ließ ihre Bemerkung nun spüren, wie geneigt sie war, mich für einen totalen Verlierer zu halten: für einen der seine Schlüssel verliert, der die Gunst seines Chefs und vielleicht bald seine Stelle verliert, kurz: für einen Looser solchen Ausmaßes, dass man sich davor am Besten ganz schnell in Sicherheit bringt, indem man dafür sorgt, daß man nichts mehr mit ihm zu tun hat. Sie forderte den Schlüssel so hastig zurück, wie man sein Geld von einer Bank holt, von der man gerade erfahren hat, dass sie jeden Augenblick in Konkurs gehen kann. Ihr Auftreten war bei solchen Handlungsweisen so überzeugend, dass selbst der Selbstbewußteste seine Fehler in ganz anderem Licht sah und bereit war, zu glauben, dass etwas mit ihm verkehrt sei müsse. Aber selbst wem klar wurde, dass in ihren Abwertungen nur ihr eigenes Problem zum Ausdruck kam, dem blieb die Angst, ob sie mit jemandem, den sie so entwertete, länger zu tun haben wollte. Und ich glaube, in solchen Momenten war ihr das selber nicht klar. So war man stets in Ungewissheit, wie es mit der Freundschaft stand. Unter diesen Bedingungen war sie schwer zu lieben und alle Männer waren nach dem ersten Rausch, die Nummer Eins bei ihr zu sein, schnell ernüchtert, verunsichert und gekränkt, alle, bis auf mich. Ich war Einzelgänger genug, um mit einer Frau zusammen sein zu können, bei der ich nie wusste, ob sie noch mit mir zusammen war. Das war eines der Dinge, die sie an mir schätzte. - Sie war schon immer disziplinlos, ja haltlos gewesen, sprunghaft und ohne Fähigkeit zu Kontinuität. Trotz überdurchschnittlicher Begabung schaffte sie es nicht, beruflich erfolgreich zu sein: Sie flog von der Schule, angeblich wegen ihrer häufigen Fehlzeiten, ihres störenden Verhaltens im Unterricht, ihres notorischen Verweigerns der Hausaufgabenerledigung; in Wirklichkeit, weil nach der Entlassung des dritten Lehrers, der ein Verhältnis mit ihr hatte, ihr alle unterstellten, dass sie nichts anderes im Sinn habe, als männliche Lehrpersonen zu verführen und zu vernichten. Da sie zu diesem Zeitpunkt schon volljährig war, verheimlichte sie ihren Eltern den Rausschmiß und ging ohne Abitur zur Universität. Da das sowieso nichts werden konnte, konnte sie sich selbst um so mehr Erlaubnis erteilen, ihre Unstetigkeit zu pflegen. Sie lebte promiskuitiv und polytox. Aufgrund ihrer Begabung und sexuell gestifteter Beziehungen gelang ihr die Hochstapelei, sich ein Promotionsstipendium und eine Assistentenstelle zu ergattern. Sie versäumte indessen ihre Assistentenpflichten und wurde entlassen. Mit der Promotion kam sie nicht voran und gab das Vorhaben nach einigen Jahren schließlich auf. Als ihre Eltern ihr die weitere Unterstützung entzogen, verdingte sie sich einem sogenannten Eskortservice. Sie schlug mir damit ins Gesicht, aber das schien sie nicht zu interessieren. Sie schien selbstverständlich davon auszugehen, dass ich "postmodern" genug sein müsse, so etwas zu tolerieren. Ich inspirierte und motivierte sie immer wieder zu gemeinsamen intellektuellen Projekten und jedes Mal freute ich mich, wenn ich sie mal wieder soweit hatte, aber jedes Mal kam die Zusammenarbeit über die Anfangsphase nicht hinaus. Sie wurde unzuverlässig, hielt Termine und Absprachen nicht ein und reagierte auf Nachfragen aggressiv. - Sie hatte schließlich außerhalb unserer Verbindung ein eigenes Leben, von dem ich nur vage wusste: Sie beging eine Art Heiratsschwindel: sie band reiche Männer an sich, ließ sich reich beschenken, und schickte sie dann zum Teufel. Mit dem so gewonnen Geld wirtschaftete sie verantwortungslos und risikoreich in der Immobilienbranche. Keines dieser Geschäfte schlug an. Nach einigen Jahren gab sie es auf und war ärmer als je zuvor. Sie fing an, mit Drogen zu handeln und war bald selber Heroin abhängig. Auch da hielt ich noch zu ihr, in der Hoffnung, sie finde einen Weg zurück in die Selbstbestimmung. Aber sie gab nicht einmal vor, sich darum zu bemühen. Sie war schließlich nur noch für die Droge da, alles andere zählte nicht mehr. Alle meine Hilfen lehnte sie entweder ab oder instrumentalisierte sie für ihren Drogenkonsum. Ich fühlte mich von ihr ausgenutzt, ja ausgesaugt, war ständig in Sorge um sie und um unsere Partnerschaft und wurde aufgerieben von den ständigen Unberechenbarkeiten, die mit ihrem kriminellen Verhalten verbunden waren. Ich merkte schließlich, wie meine Leistungsfähigkeit und meine Gesundheit immer mehr Schaden nahmen. Ich wandte mich von ihr ab. Sie quittierte das mit Bitterkeit und Sarkasmus, schimpfte mich Spießer, warf mir vor, nicht besser zu sein als alle anderen, Freundschaft nur geheuchelt zu haben um Sex von ihr zu bekommen und jetzt abzuhauen an dem Punkt, wo die Freundschaft sich bewähren müsse, damit entlarve ich mein wahres Gesicht. Was ich zu meiner Rechtfertigung anführte, ließ sie nicht gelten, weigerte sich, mit mir darüber zu diskutieren und behauptete, damit wolle ich bloß mein Gewissen rein waschen. Gleichzeitig machte sie sich aber über mich lustig: dass ich solange bei ihr geblieben sei und mir soviel habe bieten lassen, "wie ein Hund", sagte sie. Vermutlich hat sie sich nicht vorstellen können, dass ich nie aufgehört habe, sie zu lieben; dass es jedoch eine Verantwortung gibt für das eigene Leben, für die eigenen Ressourcen, eine Verantwortung, die es manchmal erfordert, sich von der Liebe seines Lebens zu trennen, sich das Herz auszureißen... Später, nachdem sie ihre Drogensucht überwunden hatte, machte sie "Karriere" an der Seite eines mehr als 20 Jahre älteren, skrupellosen mafiösen Baulöwen, dem die halbe Stadt gehörte. Er wurde erschossen, sie übernahm sein "Imperium" und wirtschaftete es mit ihrer Gleichgültigkeit und Impulsivität in kurzer Zeit in den Bankrott. Dadurch verloren hunderte Menschen ihre Wohnung und der Stadt entstand ein Schaden in Milliardenhöhe. Auch dieser Bankrott wirkte wie eine große Entwertung: als ob sie den Menschen vor Augen führen wollte, wie nichtig Besitzt und Reichtum seien, wie lächerlich Leute, die ihnen anhangen und wie unwichtig das Wohlergehen der Stadt und ihrer Bewohner. Nach dem Bankrott verkaufte sie sich wieder als Edelnutte. Aufgrund ihrer Intelligenz und Schönheit wurde sie zur Mätresse hochrangiger Politiker und Wirtschaftsführer und sorgte für einige der spektakulärsten Skandale der Zeit. Aber selbst daraus konnte sie nichts machen, weil sie es nicht schaffte, Verbündete längere Zeit an sich zu binden, sondern durch ihr intrigantes Verhalten und ihre abwertenden Unterstellungen vergraulte. Als sie 46 war, sah ich sie wieder. Sie lebte einsam und von der Wohlfahrt, sah völlig verlebt aus, dicklich und weich von zuviel Essen und zuwenig Bewegung und mit einer vom Rauchen uneinladend vergilbten, vorgealterten Haut. Und doch, trotz weitgehenden Ausbleibens körperlicher Attraktion, spürte ich noch viel von meiner alten Liebe. Ich hatte in unserer gemeinsamen Zeit mein Gespür für ihre liebenswerten Seiten stark ausgeprägt, auch wenn sie immer nur kurz aufflackerten und sie ihnen keinerlei Dauer zu geben vermochte: das auf die Wunder des Lebens neugierige Mädchen; die Frau, die gerne Kinder gehabt hätte; die geistig freie, überdurchschnittliche Intellektuelle, die so viel vorhatte und ihrer Zeit so viele neue Impulse geben wollte; der irritierte und verzweifelte Mensch, der nicht wusste, was mit ihm eigentlich los war und von Zeit zu Zeit fassungslos und hilflos auf die Spur des Misslingens zurückblickte, die er hinter sich her zog. In diesen seltenen und kurzen Momenten der Verzweiflung war sie dem Eingeständnis sehr nahe, beeinträchtigt zu sein durch ihre wechselhafte, heftige Emotionalität und ihre Art, sich selbst und andere zu erleben. Nicht die flüchtigen Augenblicke der Verschmelzung in der Liebe, die uns immer wieder mit der Illusion spielen ließen, füreinander bestimmt zu sein, sondern meine Solidarität in den Momenten der Verzweiflung, meine wertfreie Art mit ihr über ihre selbstverschuldeten Missgeschicke zu reden, das war es, was sie an mir so schätzte und sie in den Jahren unseres Zusammenseins immer wieder an der Verbindung mit mir festhalten ließ. - Nicht, dass es erst unseres Gespräches bedurft hätte für ihren unseligen Entschluß, unser Gespräch beschleunigte lediglich eine Entwicklung: Wir redeten über ihr Leben, wie es gewesen war, sie erzählte von ihren Jugendvorstellungen, wie es hätte sein sollen, von ihren Begabungen, aus denen sie nichts gemacht hatte. Wir redeten darüber, dass sie aufgrund ihres Alters in ihr altes Leben nicht zurück könne, dass es jetzt keine Ablenkungsmöglichkeiten mit Sex, Drogen und Geld mehr gebe wie früher, dass das eine ganz große Chance für ihr Leben sein könne. Doch es gelang ihr nicht, den Glauben zu gewinnen, einem anderen Leben noch gerecht werden zu können. Ihren Versäumnissen und abwegigen Lebensentscheidungen war sie nicht gewachsen. Sie tötete sich. - 3 Das tat richtig weh, sie in der Hölle zu wissen, an dem Ort ohne Hoffnung, ohne Erbarmen, in einer gnadenlosen, ewigen Qual. Schon damals, als ich mich wegen ihrer Heroinsucht von ihr trennte, hatte es weh getan, daß sie zurückblieb auf der mißlungenen Seite des Daseins, sie, die Frau, die ich nie aufgehört hatte zu lieben, deren Träume ich kannte, deren Potentiale ich kannte, deren verleugnete Wünsche, sich zu verändern, ich so sehr zu unterstützen versucht hatte, bis fast zum eigenen Untergang. Sie in der Hölle zu wissen war für mich unfassbar, ja steigerte sich fast bis zum Schock, als mir die Bedeutung von "Ewigkeit" klar wurde: daß es für sie nie wieder etwas anderes geben würde als Qual, nie wieder! Mein Schock erinnerte mich an die Geschichte eines guten Bekannten, eines Feuerwehrmanns, der alkoholabhängig geworden war, weil er ein Bild nicht vergessen konnte, das für ihn ähnlich schockierend gewesen sein mußte: nachdem er die 6 und 8 jährigen Töchter bereits tot geborgen hatte, schnitt er den Vater der Kinder querschnittsgelähmt aus den Trümmern des Wagens, der Mann hatte das Händi noch in der Hand, mit dem er am Steuer an einer SMS geschrieben hatte. - Je beunruhigter ich wurde, desto mehr entfernte sich die Große Seligkeit aus mir. Ich konnte ihr das nicht verdenken. Meine wachsende Unseligkeit muß für sie wie ein Stachel im Fleische gewesen sein und daß ich mich weiter mit meiner Seelenunruhe beschäftigte, trotz ihrer Zurufe, ich möge doch um Himmels- und meiner Willen die Unruhe ignorieren und mich auf das Glück konzentrieren, dass konnte sie nur als verstockten, störrischen Sinn werten, als ein unreines Element, das unbegreiflicherweise dem Purguratorium widerstanden hatte und von dem man sich im Himmel nur distanzieren konnte. - Doch auf einmal spürte ich, dass ich nicht mehr alleine war. Aber anders als vorher von der Großen Seligkeit, wurde ich nun von einer Großen Unruhe erfüllt. "Was Dich beklemmt, kennen wir", ließ sie mich spüren. Und sie unterrichtete mich über das merkwürdige Phänomen eines Widerspruchs im Himmel: Es gebe etwas, was kein Purguratorium, ohne sich selbst zu widersprechen, entfernen könne: die Liebe. Und die Liebe könne sich nun mal nicht damit abfinden, dass viele Menschen auf ewig gefoltert würden. Die Große Seligkeit meine immer, der Himmel sei vollkommen und deshalb sei mit denen etwas falsch, die es nicht schafften, von dem einzig verbliebenen Unseligen abzusehen. Aber vielleicht sei nicht mit den Beunruhigten im Himmel, sondern mit dem Himmel selbst etwas noch nicht Ordnung: daß er es nicht vermöge, alle Menschen zu sich zu holen und deshalb noch Widersprüche entstehen müßten zwischen der Fähigkeit des Liebens und der Abwesenheit von Liebenswerten. "Aber kann man nicht verwirken, liebenswert zu sein - Hitler: ist das nicht ein unwiderlegbares Beispiel eines unliebenswerten Menschen durch und durch? - Und gibt es nicht auch Menschen, die aufbegehren gegen Gott und Gott ablehnen?" - "Jeder ist liebenswert, wenn er auf die Welt kommt. Und wer im Laufe seines Lebens dieses Liebenswerte verwirkt, oder wer gar die Liebe, wer Gott ablehnt, hat keine Hölle verdient, sondern braucht ne Kur." - Sie belehrte mich über die Purguratoriumsmechanik: Das Problem sei, dass die Seelen im Leben bestimmte Voraussetzungen erworben haben müssten, um im Purguratorium bestehen zu können: Die Seele müsse sich wie ein Segel aufspannen, um von den Kräften des Purguratoriums erfasst, getragen und bearbeitet werden zu können. Vielen Seelen gelinge das aber nicht, sie hätten sich im Leben so stark verspannt, dass sie sich einfach nicht richtig entfalten könnten, sie blieben zu stromlinienförmig, um genügend Kontakt zu den wirkenden Kräften zu bekommen und würden aus dem Purguratorium hinausfallen, wie ein Fallschirmspringer, dessen Fallschirm sich nicht öffnet. Seelenverspannung im Leben habe immer zu tun mit Konkurrenz, Aggression, Vermeidung und verzichtunwilligem, rücksichtslosem Verfolgen eigener Interessen. Keine Seele überstehe das Leben ganz ohne Verspannungen. Konkurrenz, Aggression, Schutz und Zielstrebigkeit seien notwendige Züge des Lebens und daher nicht an sich schlecht. Es sei nur so schwer, sie zielgenau zu applizieren und richtig zu dosieren. Jedoch übertreibe es niemand freiwillig damit, sondern alle seien darin mehr oder weniger ungeschickt. Daher wirkten die Seelenbewegungen der Lebenden auf die Toten meist so linkisch, unbeholfen, grotesk übertrieben und wenig zielführend, wie bei jemandem, der zum ersten Mal eine Sense in die Hand bekomme. Das Leben verschaffe nicht allen Menschen gleichviel Gelegenheit, Seelengeschicklichkeit zu erwerben und zu üben. Doch jeder könne sich selber bemühen, sich mehr Geschicklichkeit anzueignen. Dafür müsse man jedoch in der Lage sein, zu erkennen, wie vorteilhaft es sei, mehr Seelengeschicklichkeit zu haben. Aber die für diese Erkenntnis notwendigen Voraussetzungen vermittle das Leben ebenfalls nicht immer. Da nun kein Mensch über die Startbedingungen seines Lebens verfügen könne, sei das Versagen im Leben und im Purguratorium nicht böse sondern tragisch, genauso tragisch, wie nicht weit vom Ufer mit dem Boot zu kentern, aber nicht schwimmen zu können. Beim Höllensturz handle es sich also nicht um Strafe sondern um Kausalität. Es brauche für Himmel, Fegefeuer und Hölle nicht mal einen Gott, es sei alles auch als metaphysische Natur vorstellbar. Aber wenn es Gott gebe, dann sei denkbar, dass Gott noch nicht vollkommen sei und noch nicht vermöge, ein Purguratorium einzurichten, das mit allen Ausmaßen von Seelenverspannung fertig werde. Vielleicht sei die Hölle aber auch die ultimative Prüfung Gottes: ob wir es uns an unserer Seligkeit genügen lassen, solange es noch Seelen unter der Folter gibt. "In jedem Fall ist die Hölle ein furchtbarer Unfall des Seins, eine katastrophale Unrichtigkeit, die nicht sein darf, aus der man alle Betroffenen retten muß, alle: wenn nur eine Seele, nur eine einzige Seele nicht gefunden und erlöst wird, bleibt die ganze Seligkeit eine Lüge." - Ich erfuhr, daß die Subversion im Himmel sich organisiert hatte: Sie organisierte die "Heimholung": das Aufspüren und Befreien von verlorenen Seelen, denn die Hölle war kein Ort, den man hätte erstürmen können wie die Bastille, sondern jeder Verlorene war selbst seine Hölle und es galt, ihn zu finden. Jeder Subversive versuchte, der Großen Seligkeit Informationen zu entlocken über Menschen, die nicht im Himmel angekommen waren. Alle Verlorenen wurden registriert und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Große Seligkeit alle Namen preisgegeben hatte, denn sie konnte nicht lügen. Und diese Liste wurde Mensch für Mensch abgearbeitet. So konnte auf Dauer kein Verlorener verloren gehen. Doch die Heimholung war nicht einfach. Sie bedeutete, den Himmel wieder als Sterblicher verlassen zu müssen und selbst das Risiko einzugehen, in die Hölle verloren zu gehen, denn man durfte unterwegs nicht den Kräften erliegen, mit denen man es zu tun bekam. Natürlich stand ein gescheiterter Höllensucher ganz oben auf der Liste der zu Rettenden, so dass man wenigstens den schwachen Trost hatte, nicht lange der Folter ausgesetzt zu sein. Nach der Befreiung mußte man mit den Befreiten zusammen ins Purguratorium, man mußte sie festhalten und ihnen helfen, sich wenigstens so minimal zu entfalten, dass ein erster kleiner Punkt von den Massagekräften erfasst werden und ein Anfang gemacht werden konnte. Das war anstrengend und schmerzhaft, denn man war selbst den Massagekräften ausgesetzt, und es dauerte meist länger als das ganze eigentliche Purguratorium, obwohl ein "normaler" Purguratoriumsaufenthalt ja bekanntlich schon viele Millionen Erdenjahre währt. Und auf all das konnte man nicht vorbereitet werden, denn jeder Weg zu einem Verdammten war völlig anders, wartete mit gänzlich neuen Gefahren, Mühen und Schmerzen auf, so dass jeder der Höllensucher jedes Mal wieder Anfänger war. Es gab lediglich umfangreiche Tests, ob man sich im Leben genügend jener Eigenschaften erworben hatte, die nötig waren, um so eine Befreiungsaktion leisten zu können. (Es konnten nicht alle, die bereit waren, der Liebe zu folgen, auch ausgesandt werden. So wie eine Massage Muskeln entspannt aber nicht bildet, konnte auch das Purguratorium nur reinigen, was schon da war, aber es entwickelte nichts und fügte nichts hinzu, und was man im Leben nicht erworben hatte, erwarb man nimmermehr. Denn im Himmel hatte man nichts nötig, da gab es keinen Handlungsbedarf, da brauchte man keine Geschicklichkeit mehr, nur Gelöstheit.) - So sehr die Liebe mich auch erkühnte, bemerkte ich doch auch eine Instanz in mir, die bedauerte, für tauglich befunden worden zu sein. Sie maulte: "Na Klasse, da hat man sich das ganze Leben um Vervollkommnung bemüht und was hat man jetzt davon: jetzt darf man die Bösen aus der Hölle holen unter Einsatz der eigenen Seligkeit und wenn mans nicht tut, wirds auch nichts mit der Seligkeit, weil die Liebe einem mit ihren ständigen Vorhaltungen alles verleidet. Und für die ganze Unternehmung, mit der man alles Erreichte aufs Spiel setzt, winkt kein anderer Lohn als das, was man auch kriegen würde, wenn man sich anstrengte, vernünftig zu sein und sich zusammenzureißen, um die törichten Störimpulse der Liebe zu ignorieren!" - "Wir suchen ja nach Möglichkeiten, das Verfahren zu erleichtern, z.B mit einer Art Rettungsleine, die verhindert daß die Heimholer selber in die Hölle geraten. Wir arbeiten dran - leider bisher erfolglos." - "Für Menschen die man liebt, tut man viel. Aber ist es vorstellbar, unter diesen Bedingungen eine Bereitschaft zu entwickeln, auch ausgemachte Stinkstiefel, unverbesserliche Fieslinge und wahre Teufel, ja, sogar einen Hitler aus der Hölle zu retten", fragte ich. "Mancher kann sich auch nicht vorstellen, je einen Klimmzug zu schaffen, doch den Muskeln ist es egal, was das Gehirn sich vorstellen kann, sie wachsen einfach, wenn man sie übt." "Aber warum sollte man für solche Leute üben?" "Die Frage stellt sich für Dich nicht. Du möchtest Deine Liebste retten. Mehr mußt Du erstmal nicht wollen. Bist Du bereit?" 4
Ich war nackt. Es war kalt. Vom Boden stieg ein schmutziger Nebel auf, in Bodennähe so dicht, daß ich meine Füße nicht sehen konnte. Doch etwa auf Halshöhe verlor er sich, so daß ich darüber hinwegschaute: vor mir lag eine endlose öde Ebene, in einem schwachen, schmutzig-gelblichen Licht, das überall gleich verteilt schien. Ein widerlicher durchdringender Gestank, wie auf einer Müllkippe, lag in der Luft. Ich stand völlig verloren da und wusste nicht, in welche Richtung ich mich wenden sollte. Jede konnte die Falsche sein. Aber ich musste bald eine Entscheidung treffen, wegen der Kälte, da wo ich war, konnte ich nicht bleiben. Doch ich spürte mit meinen Füßen, daß ich gar nicht viel Auswahl hatte: ich stand auf einem schmalen Grad, rechts und links von mir war gähnende Leere. Ich folgte dem Grad eine Zeit lang, da bemerkte ich eine Abzweigung. Ich kam mir vor, wie eine Ratte im Labyrinth: welche Entscheidung ich auch traf, es konnte die falsche sein. Ich entschied mich, auf meinem Weg zu bleiben, auch als ich weitere Abzweigungen bemerkte. Doch dann trat mein Fuß plötzlich auch vor mir ins Leere, der Grad brach jäh ab, ich hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Ich musste umkehren und einen anderen Weg ausprobieren. Doch auch der nächste Weg endete an einem Abgrund und so auch alle weiteren Wege. Ich setzte mich schließlich auf den Boden, wo der Nebel so dicht war, daß ich überhaupt nichts mehr sah, und ließ die Beine hinab, um zu erkunden, ob ich es vielleicht mit Stufen zu tun hatte. Und tatsächlich: ich konnte die Füße aufsetzen. Es folgten weitere Stufen, verschieden hoch, es handelte sich offenbar um eine Art Treppe. Nach einer anstrengenden Kletterpartie kam, was ich befürchtet hatte: eine Stufe, nach der ich keinen Boden mehr unter den Füßen spüren konnte, so tief ich mich auch hinabließ. Da kam ich auf eine Idee: ich spuckte, und ich hörte, wie die Spucke auf Grund platschte. Aber wenn ich mich dort hinabschwang: würde ich mich wieder nach oben ziehen können, wenn die Treppe schließlich doch an einem Abgrund enden sollte? Andererseits: wenn ich jetzt wieder hoch stieg, hätte ich viel Kraft verausgabt, ohne etwas gewonnen zu haben, konnte ich das verantworten? Ich bekam Angst, die falsche Entscheidung zu treffen und geriet in ein lähmendes Hin- und Her, das mich noch mehr ängstigte: von der Entscheidungslosigkeit festgebannt, zu erfrieren! Diese Entscheidungsangst war mir zur Genüge aus meinem Leben bekannt und ich zweifelte an der Validität der Eignungstests für die Höllensuche: War so ein ängstlicher Mensch wie ich der Richtige für ein solches Unternehmen? Während ich noch zweifelte, schien etwas in mir den Entscheidungsprozeß fortgeführt zu haben, denn mir erschien auf einmal das Rationalste und Verantwortbarste, wieder hinaufzusteigen, um nicht zu riskieren, irgendwann mal weder hinunter noch hinauf zu können und alle Bewegungsmöglichkeiten zu verlieren. Aber ich war niedergeschmettert: die ganze Verausgabung für den anstrengenden Weg war umsonst gewesen, ich würde wieder am Anfang stehen und mußte befürchten, nicht genügend Energie zu haben, das Ziel zu erreichen, von dem ich nicht mal wusste, wo es lag. Nachdem ich einige Stufen erklommen hatte, stand ich plötzlich vor einer Wand: die Stufe vor mir mußte sich verändert haben, ich konnte den Absatz gerade noch mit meinen Händen erreichen. Ich versuchte, mich mit den Armen hochzuziehen, aber ich schaffte es nicht, ich hatte zuwenig Kraft in den Armen. Wütend schrie ich: "Wer macht diese Scheiße denn hier!" Ein nagendes Gefühl von Schuld überkam mich: weil ich im Leben immer zu faul gewesen war, meine Armmuskeln zu trainieren, drohte ich jetzt zu scheitern und die wichtigste Chance zweier Seelen zu verspielen. Dann kam mir allerdings der Gedanke, daß hinter all dem, was ich erlebte, vielleicht gar keine Absicht steckte sondern daß es eine Art "Natur" sein könnte und dass der Sinn der Übung vielleicht gar nicht das Erreichen eines räumlichen Zieles sei, denn offenbar war hier alles in Veränderung begriffen, so dass sich jederzeit eine Wand oder ein Abgrund um mich bilden könnte, egal, welchen Weg ich einschlüge. Zumindest konnte ich mir sagen: in einer ständig sich verändernden Landschaft hat man nur einen sehr relativen Einfluß darauf, ob man sein Ziel erreicht. Das half mir über das bleierne Schuldgefühl hinweg. Plötzlich kam Bewegung in den Nebel: es entstanden widerliche bräunliche Schlieren, die sich im Kreise zu drehen begannen. Allmählich bildete sich ein riesiger Strudel, etwa hundert Meter im Durchmesser. Der Nebel wurde offenbar abgesaugt. Ich sah, dass ich mich in einem gewaltigen Schlund befand, dessen Wände in unregelmäßigen grauen Quadern steil abfielen. Der Nebel sank tiefer und tiefer. Da das Licht offenbar nicht aus einer Lichtquelle stammte sondern überall gleich verteilt zu sein schien, erblickte ich schließlich trotz des Halbdunkels einen unabsehbaren Abgrund. Ich hatte immer schon Höhenangst gehabt. Mir sank der Mut: Ich traute mir nicht zu, hier lange standhalten zu können. Reflexhaft preßte ich mich mit dem Rücken gegen die Wand und suchte mit den Händen Halt. Einen bestimmten Schritt nicht tun zu dürfen, die Kontrolle nicht verlieren zu dürfen, weil dann alles aus ist, nicht die Möglichkeit einer Korrektur zu haben, das war es, was in großen Höhen für mich immer so furchterregend war: ein kleiner Aussetzer reicht, und du bist tot - woher willst du wissen, daß dir kein kleiner Aussetzer passiert? Du darfst in dieser Situation nicht spielen, nicht träumen, nicht die Achtsamkeit sinken lassen, die Situation ist tot ernst. Du musst etwas leisten und das hat zu funktionieren sonst bist du verloren. Es hängt alles nur von dir selbst ab, es gibt keine andere Stütze oder Sicherheit. Situationen dieser Art hatte ich mich im Leben nie gewachsen gefühlt. Da begann es, daß die Vorstellung, wie es sich anfühlen würde, die Kontrolle verloren zu haben und in den Schlund zu stürzen sich mir so lebhaft aufdrängte, daß ich mehrere Male das Gefühl hatte, bereits wirklich zu fallen. Die Panik, die mich dabei jedes Mal überkam, ließ mich dann wirklich fast das Gleichgewicht zu verlieren und löste eine noch stärkere Panik aus. Diese eskalierenden Panikattacken zermürbten mich völlig. Ich konnte mir nicht vorstellen, unter diesen Umständen lange die Kontrolle zu behalten, hatte aber gleichzeitig keine andere Wahl, als alle Kräfte gegen die Panik aufzubieten. Es kam soweit, daß sich die Vorstellung, endlich aufzugeben, endlich mich fallen zu lassen, endlich diese Situation existentiellen Gefordertseins zu beenden, überwältigend attraktiv anfühlte. Das verschlimmerte meine Hoffnungslosigkeit noch, weil ich nicht wusste, wie lange ich der Versuchung widerstehen konnte. Da ergriff in mir eine Instanz das Wort, die es leid war: "Was soll dieses Rumgehampel! Die Sache ist doch ganz klar: Es gibt keine äußere Kraft, die mich von dem Vorsprung hier runter kriegt, ich muß mich einfach nur auf das Stehen und die Füße konzentrieren!" Ich begann, meine Aufmerksamkeit nur auf meinen Körper zu richten, mich zu entspannen, den Boden unter den Füßen und die Wand im Rücken zu spüren. Doch immer wieder wurde ich dabei von erneut aufwallender Panik unterbrochen. Ich war nahe daran, allen Mut zu verlieren und dachte: ich werde es nicht schaffen, die Panik dauerhaft genug herunter zu schrauben, irgendwann wird sie mich überwältigen. Doch ich dachte auch: Wenn es so kommt, dann wird es so sein, aber jetzt, jetzt ist es noch nicht so und solange es noch nicht so ist, tue, was du tun kannst. - Nach einiger Zeit schaffte ich es, mich von der eisigen Wand im Rücken zu lösen. Ich stand wieder frei, die Augen starr geradeaus gerichtet, und trat bedächtig von einem Fuß auf den anderen. Ich konzentrierte mich nur auf diese Bewegung. Mir wurde klar, daß ich nur eine Chance hatte: zu warten, bis die Stufe über mir sich erniedrigen oder sich irgend etwas anderes ändern würde. Doch nun begann etwas Neues: Der Gestank schien aus dem Schlund zu stammen. Der Nebel hatte ihn offenbar gedämpft, denn jetzt steigerte sich seine Ekelhaftigkeit ins Bösartige: so konnte nur ein tödliches Gift stinken! In mir brach erneut Panik aus, ich wollte nur noch fliehen. Doch die Stufe über mir war noch immer zu hoch. Der Gestank benahm mir den Atem, ich konnte mich kaum mehr bewegen. Dadurch begann die Kälte noch schneller in mich einzudringen. Ich gab mich verloren und begann zu weinen, weil meine Unternehmung so schnell gescheitert war und ich soviel verspielt hatte und jetzt vermutlich für Äonen in die Hölle kam, bevor meine Leute mich rausholen konnten. Plötzlich durchzuckte mich ein so vernichtender Schreck, daß Kälte, Gestank und Höhenangst dagegen völlig verblaßten: Was war, wenn ich einem Betrug aufgesessen war? Wenn die Rebellen im Himmel gar nicht die Guten waren sondern die raffiniertesten Agenten des Bösen? Mir fiel auf, dass sie mit mir über alles Mögliche gesprochen aber dabei offenbar, wie Vertreter für Finanzprodukte, ein Thema völlig ausgespart hatten! Alle Verdammten aus der Hölle zu holen: würde das nicht ermöglichen, was die Weisen seit Urzeiten als die schlimmste aller Sünden brandmarkten: Sündigen im Vertrauen darauf, dass es eine Barmherzigkeit gebe, die niemanden in ewiger Verworfenheit lassen würde? Genau darauf würde es doch hinauslaufen, wenn alle Verdammten erlöst würden! War das nicht ein Freibrief für die schlimmsten und grässlichsten Verbrechen, für die grenzenloseste Bösartigkeit? Mir ging in überwältigender Klarheit auf, dass das nicht sein konnte, sondern dass die Liebe die Guten im Leben schützen müsse vor Verbrechern, die mit einer finalen Barmherzigkeit kalkulieren und sich damit alles erlauben. Nein, Dante hatte recht: um der Gerechtigkeit willen musste es eine ewige Verdammnis geben! Ich konnte nicht anders denken, als dass ich Opfer eines Betrugs geworden war, gegen die Große Seligkeit gefrevelt und sie mir damit ein für allemal verwirkt hatte. Ich starrte geradewegs in den Abgrund der Hölle, der ewigen Verworfenheit, der ewigen Folter! Ich würde mich hier nicht mehr lange halten können. Meine Existenz war verspielt: dort gab es auf ewig nur Stillstand und absolute Verlassenheit in sinnloser Qual, Qual, die zu nichts mehr gut war, die zu keiner Entwicklung oder Veränderung führte, der denkbar schlimmste Unfall: völlige Verlassenheit und sinnlose Qual als Endzustand einer ewigen Existenz. Die Angst erreichte ein Ausmaß, dass sie sich noch giftiger anfühlte als der Gestank, es war ein Gefühl, als ob ich aus dem Bauch heraus mit giftiger Flüssigkeit geflutet würde, die in jede Zelle meines Körpers dränge. Ich glaubte vor Angst das Bewusstsein zu verlieren. Aber ich verlor es nicht. Doch die Augenblicke, in denen ich das Gefühl hatte, den Sturz nicht mehr aufhalten zu können, wurden immer häufiger und ich verlor den letzten Rest Hoffnung. Die Angst erreichte ein Ausmaß, dass mein Herz zu zerspringen schien. Nie zuvor hatte ich eine solche Angst erlebt! Bis dahin hatte ich nicht gewusst, zu welcher Angst der Mensch fähig ist, ich wunderte mich, dass Herz und Seele das noch aushielten. Mit war völlig gewiß, daß ich verloren war und das raubte mir fast den Verstand. Aber etwas in mir sträubte sich mit aller noch vorhandenen Vitalität gegen das Aufgeben. Doch meine schlotternden Beine gaben nach und ich fiel. Aber da ich mich instinktiv wieder fest an die Wand gepreßt hatte, fiel ich nur auf meinen Po, die Beine rechts und links im Abgrund. Ich merkte, daß ich aus Leibeskräften geschrieen hatte. Schrei und Schmerz unterbrachen die Angst und gaben mir eine Chance zur Besinnung: Ja, es war möglich, daß ich dem abgefeimtesten Schwindel aufgesessen und für ewig verloren war (sobald ich mir diese Möglichkeit wieder vor Augen geführt hatte, waren meine Beine wieder nahe daran, ihren Dienst zu versagen) aber ich machte mir klar, dass ich nur Indizien hatte, keinen Beweis, und dass auch viel für die andere Möglichkeit sprach, für die Hoffnung. Es war unentscheidbar, ob die Rebellen Schwindler waren oder nicht. Ich machte mir ferner klar: die Kapitulation war die Handlungsmöglichkeit, die mir in keinem Fall verloren gehen konnte, verloren gehen konnten mir nur alle anderen Möglichkeiten. Wenn die Hölle mich wollte und bekam, dann keinen Augenblick früher als nötig. Solange noch ein Rest Wärme und Kraft in mir war, wollte ich mich ihr entgegenstemmen. Ich kam wieder auf meine Füße, wobei ich merkte, daß ich mich verletzt hatte und stark blutete, meine Schwäche würde mich also teuer zu stehen kommen, denn durch den Blutverlust würde meine Kraft noch schneller erschöpft sein. Ich stand jetzt schon wieder längere Zeit frei, ohne mich an die eisige Wand anzulehnen und konzentrierte mich nur auf das Setzen meiner Füße beim Treten auf der Stelle. Jetzt wurde es allmählich wieder dunstig und nach einiger Zeit war es wieder so neblig, dass ich die Hand vor Augen nicht mehr sah. Endlich konnte ich feststellen, daß die Wand niedriger geworden war. Jubelnd kletterte ich die Stufe hinauf. Bald stand ich wieder auf einer Fläche und ich setzte meine anfängliche, mit den Füßen schlurfend-erkundende Fortbewegung fort, mußte von Zeit zu Zeit auch wieder vor unüberwindlichen Hindernissen Entscheidungen treffen. Aber ich hatte offenbar ein Entscheidungsprinzip für solche Situationen etabliert und die Höllenangst erstmal überwunden. Sie steckte allerdings noch wie ein Betonklotz in meinem Bauch und es blieb eine würgende Angst davor, daß die Angst mich wieder überfluten würde. Ich zwang meine Aufmerksamkeit, an die hoffnungsvolleren Möglichkeiten zu denken. Nach einiger Zeit merkte ich indessen, wie mir allmählich die Kräfte schwanden und es zu Ende ging. Die Angst wurde wieder mächtiger und lähmender. Aber ich hatte mich einmal entschieden, nicht aufzugeben, und wenn ich auch der Angst jede einzelne Bewegung mit Befehlen abringen musste! - Da sah ich plötzlich in der Ferne einen hellen Lichtstrahl den Nebel durchdringen! Ich jubelte, dabei hätte ich beinahe Tritt verloren und wäre gestürzt. Mir wurde klar, daß kein Grund zum Jubeln bestand: zwischen mir und dem Licht konnte sich eine unüberwindliche Wand oder ein unüberwindlicher Abgrund schieben. Und was würde mich an der Lichtquelle erwarten? Tatsächlich verlor ich das Licht bald aus den Augen und ich mußte mir wieder einhämmern, die Kraft, die noch in mir war, zu nutzen, egal ob es zu was führte oder nicht. Als ich den Lichtstrahl wiedersah, war er größer geworden und als ich ihn das zweite Mal wieder sah, noch größer, doch war ich jetzt so entkräftet, daß ich zusammenbrach und im Lichtkegel liegen blieb. Mehrmals raffte ich mich auf, brach aber nach wenigen Metern wieder zusammen. Ich war halb bewusstlos vor Erschöpfung und Blutverlust, das dämpfte die Angst ein wenig, so dass sie sich nicht mehr zur Panik steigern konnte. Allerdings erfüllte sie mich mit solcher Übelkeit, dass ich mich erbrach. Ich verging vor Übelkeit und Kälte. Dachte ich jedenfalls. Aber nach einiger Zeit hatte in mir etwas die Kraft gefunden, der Lichtquelle ein kleines Stück weiter entgegen zu krabbeln. Ich bemerkte, daß mir die Kraft aus dem Licht zuwuchs. Immer wieder blieb ich liegen, konnte mich aber jedes Mal nach kurzer Zeit wieder aufraffen und jedes Mal kam ich der Lichtquelle näher und fühlte mich kräftiger. Bald konnte ich mich wieder ganz aufrichten und weitergehen. Doch verlor ich das Licht erneut. So setzte sich der Kampf weiter fort, bis das Licht plötzlich ganz hell vor mir auftauchte: ich sah, dass ich in einer riesigen Halle war und erblickte die Umrisse des Ausgangs in greifbarer Nähe! Vom Licht gestärkt rannte ich darauf zu, es versuchte sich zwar noch etwas dazwischen zu schieben, doch ich übersprang es und trat ins Freie. 5 Wieder stand ich auf einer unabsehbaren Ebene. Es gab auch hier nur diffuses Licht, doch es war strahlend hell und mit nährender Wärme. Der Gestank war verschwunden. Ich sank auf die Knie und weinte vor Dankbarkeit. Mein Verdacht gegen die Himmelsrebellen kam mir jetzt ziemlich kleingläubig vor und ich schämte mich dafür. Ich merkte, wie ich mich erholte und sogar meine Wunde heilte. Schnell war ich wiederhergestellt und fühlte mich so stark und wohl, wie ich mich mein Lebtag nicht gefühlt hatte. Der Boden, auf dem ich lag, war weißlich und steinartig. In einiger Entfernung entdeckte ich etwas, das mich an einen Brunnen erinnerte. Ich ging darauf zu und sah, daß es tatsächlich ein eingefaßtes Loch war. Da bemerkte ich, wie sich vorsichtig eine Hand herausschob, und auf dem Rand Halt suchte und dann eine zweite. Es waren Hände, die Klavierspielen konnten. Ich half ihr hinaus. - "Du?" fragte sie. - "Wer sonst", erwiderte ich. Wir griffen unsere Hände. Mehr wollten unsere Körper nicht mehr voneinander, doch in dieser Berührung fühlten wir alles, was uns je miteinander verbunden hatte und das fühlte sich seliger an, als alles, was wir im Leben an Höhepunkten der Leidenschaft miteinander erlebt hatten. Doch dann fiel mir plötzlich etwas auf: "Für jemanden, der gerade der Hölle entronnen ist, bist du ja ziemlich gefasst!" Sie lachte: "Soll ich Freudensprünge machen, damit du dich geschmeichelt genug fühlst? Nein, im Ernst, ich bin nicht erst gerade der Hölle entronnen. Ich bin schon lange unterwegs. Die Hölle liegt um dich wie eine Zwangsjacke und diese Jacke ist wie deine eigene Haut, daran zu reißen macht alles noch schlimmer und bringt gar nichts. Doch dann kam ein Augenblick, wo ich merkte, daß ich mich häuten konnte und ich riß mir die Hölle herunter und stand plötzlich frei von der Höllenqual in einer komischen unwirklichen trost- und leblosen Landschaft in der ich der Hölle entfliehen musste, die wie eine Wolke hinter mir her war um mich wieder einzuhüllen. Nichts, was mir in dieser Landschaft an Hindernissen begegnete, war so schlimm wie die Höllenqual, so daß mich kein Hindernis abschrecken konnte. Im Leben hätte ich so einen Parcours keine 100 m durchgehalten, das kann ich dir versichern! Dann sah ich plötzlich einen Lichtstrahl senkrecht auf den Boden fallen und als ich ihn erreichte sah ich, daß er durch ein Loch in der Decke drang und eine Leiter hinaufführte. Und als ich dich sah, wusste ich, daß ich gerettet bin. Schau!" Sie wies auf die Stelle hinter sich, wo eben noch der "Brunnen" war. Er hatte sich geschlossen. "Da kommt keine Hölle mehr durch." - Doch da schien sie zum ersten Mal zu begreifen, daß sie wirklich gerettet war, sie sank auf die Knie und weinte. Ich schloß sie in meiner Arme. "Das Schlimmste", begann sie nach einer Weile, "schlimmer als die eigentlich Qual, war die absolute Hoffnungslosigkeit: die Gewißheit, daß es ewig sein würde, daß nie etwas anderes kommen würde, verstehst Du, es war völlig gewiß, es war nicht möglich, irgend etwas zu denken, das auch nur für die winzigste Hoffnung Raum geschafft hätte. Schlimmer als die Qual selbst war auch das Bewußtsein, sie selber verschuldet zu haben. Immer wieder erlebte ich die Situationen meines Lebens, in denen ich die falschen Entscheidungen getroffen hatte, und ich mußte mir eingestehen, daß ich allein verantwortlich dafür war, eine einzige und einmalige Chance entwertet und vertan zu haben, die einzige, einmalige, winzige Chance, die wir haben, vor der Unendlichkeit. Ich konnte mir es nicht anders vorstellen, als das alle Wesen des Daseins nur Spott, Häme und Hohn auf mich spucken könnten. Schuld und Scham wurden so übermächtig, dass ich ständig das Gefühl hatte, daran zugrunde gehen zu müssen. Aber man geht dort nicht zugrunde, man hat keine Hoffnung, zugrunde zu gehen, das ist ja gerade Teil der Qual. Und schließlich: die absolute Verlassenheit. Im Folterkeller hat man wenigstens noch die Schergen. Doch hier war ich ganz allein - auf ewig völlig allein in diesen Kreisen der Qual." "Die Qualen der Qual habe ich verstanden, aber was war die eigentliche Qual?" "Davon kann ich dir nichts sagen, du würdest es nicht verstehen. Sie hatte mit dem zu tun, was nur mich ausmacht, das, was das Individuum ausmacht, dasjenige, was allen Menschen ungemeinsam ist und daher nicht zu versprachlichen. Im Leben ist eine solche Form von Qual nicht vorstellbar. Die Lebenden haben sie sich immer als Wechsel von Feuer und Eis gedacht. Aber das Schlimmste und Widerwärtigste, das du dir vorstellen kannst, ist gegen diese Qual nur wie das Kitzeln eines Fliegenbeins gegen lebendig die Haut abgezogen zu bekommen. Und das Allerschlimmste war: die Qual änderte sich ständig! Es gab ständig einen neuen, vorher nie gekannten Schmerz, es gab nicht die geringste Möglichkeit der Gewöhnung oder Erwartung. Man konnte nie wissen, wie lange eine Qual dauerte und wie sich die nächste anfühlen würde. Und so sehr man sich auch auf eine böse Überraschung einstellte: das Eintretende übertraf an Bösartigkeit noch das Schlimmste, was man sich vorstellen konnte. - Doch sag, womit habe ich das verdient, daß Du mich rettest?" "Tja, ich weiß auch nicht, ich konnte es einfach nicht aushalten, dich in der Hölle zu wissen und überhaupt um die Hölle zu wissen, ich glaube das hat mit Verdienst gar nichts zu tun. So wie es jetzt ist, das ist doch völlig unausgegoren: ein paar Erdenjahre entscheiden über die Unendlichkeit. Das ist völlig inakzeptabel! Wie bei einem Flugzeug, das bei bestimmten Bedienungsfehlern gleich abstürzt, ohne irgendeine Möglichkeit der Korrektur oder Gegensteuerung. Ich habe diese Unvollkommenheit einfach nicht hinnehmen wollen. Ich glaube, das ist alles." Es war, während wir redeten, immer heller und heißer geworden. Jetzt wurde es allmählich unerträglich und wir spürten, daß das Licht uns umbringen würde. Bei dem Gedanken, wieder in die Nebelhalle gehen zu müssen, versagten mir die Knie, rein instinktiv erinnerte sich mein ganzer Organismus an das dort erlebte. Sie hob mich auf: "Glaub mir, das Licht hier wird immer höllischer, es wird uns umbringen und du weißt was das heißt! Aber dort im Nebel haben wir eine Chance und zudem kann uns dort keiner das Zusammensein nehmen!" "Es ist nicht klar, wieviel darin von uns und wieviel vom Zufall abhängt. Vielleicht werden wir es nicht schaffen, dann war alles umsonst", erwiderte ich verzweifelt. "Nein, nicht umsonst. Denn jetzt weiß ich, daß es nicht ewig sein wird, nicht unabänderlich, verstehst Du, nicht ewig!!!" "Aber selbst wenn wir das schaffen, das war erst der Anfang, dann kommt das Purguratorium!" "Ich weiß", sagte sie fast ein wenig schnippisch lächelnd, "ich bin bereits informiert. Aber ich bin ja nicht mehr allein. Du mußt Dich nur genügend anstrengen, mich fest zu halten!" "Und warum sollte ich das tun? Warum tue ich das eigentlich alles für dich?" Mir kam die ganze Geschichte plötzlich albern vor. "Du hast es doch eben gesagt: als Teil eines sich selbst vervollkommnenden Organismus macht man das nun mal so", antwortete sie und grinste. Fremdwörtererklärung in der Reihenfolge ihres Auftretens
Purguratorium: Fegefeuer (wörtl. übersetzt: "Reinigung"). Polytox: relativ wahlloser Konsum vieler verschiedener Rauschmittel, z.B. Amphetamine, Kokain, Cannabis, Opiate (z.B. Heroin), Alkohol, Halluzinogene (z.B. LSD, Meskalin). Promiskuitiv: ursprünglich: Beischlaf mit verschiedenen Sexualpartnern. In unserer zeitgenössischen westlichen Kultur ist das weniger bemerkenswert als früher, daher benutzt man dieses Wort heute am Besten nur für Formen der Sexualität, bei denen die Sexualpartner so häufig wechseln, dass der Eindruck entsteht, dass da irgendetwas nicht stimmt, z.B. dass eine relative Beziehungsunfähigkeit besteht oder das Gefühl für eigene Grenzen nicht richtig ausgebildet ist (Distanzlosigkeit) oder Sexualität zur systematischen Ersatzhandlung wurde, weil das Verhaltensrepertoir aufgrund von Entwicklungsdefiziten so beschränkt ist, daß mit "normalem" Verhalten nicht genügend Freude, Selbstwerterleben und Frustrationsbewältigung erreicht werden kann. Validität: wörtlich: "Gültigkeit". "Valide" bezeichnet die Eigenschaft von Testergebnissen, daß das, was sie aussagen, auch wirklich zutrifft. |