Berliner Laien-Faust-Ensemble PDF Drucken E-Mail

"Den lieb ich, der Unmögliches begehrt"...:

Oberammergau hat seinen Jesus, warum Berlin nicht seinen Faust?

Mit Laien den ganzen Faust zu spielen, beide Teile, den vollständigen Text (na ja, vielleicht ein paar Zeilen, die sowie keiner versteht gestrichen), das würde mich reizen. Drunter würd´ ich es nicht machen wollen. (Der Text ist einfach zu gut, jede Streichung tut weh und lässt sich nur rechtfertigen, weil es besser ist, weniger zu machen als gar nichts. Aber bis zu 5% Streichungen könnte ich vielleicht vertreten.)

Laien erreichen niemals das Niveau von Profis: die beste Begabung, das größte Engagement können kein jahrelanges hauptberufliches Training ersetzen! So prägnant können Laien einfach nicht mimen! Aber begabte, engagierte Laien können durchaus ein Niveau erreichen, das nicht dilletantisch wirkt sondern ein "brauchbares" Ergebnis ermöglicht, auch beim Faust! - (Nicht dilletantisch ist alles, womit Zuschauer etwas anfangen können, was ihnen einen Gewinn bringt, alles, wofür sie sich nicht fremdschämen müssen oder was sie bloß über sich ergehen lassen, weil der Sohn oder die Freundin mitspielt... Das, was man mit "dilletantisch" bezeichnet, hat oft seinen Grund nicht darin, daß jemand kein Profi ist, sondern darin, daß jemand das Ergebnis spontaner Impulse ganz toll findet und sich nicht weiter darum bemüht, das Gehaltvolle, Relevante und Stimmige noch deutlicher herauszuarbeiten, das Misslungene auszusondern, auf Einheit und Form zu achten und vor allem: Ziele und Mittel, Anspruch und Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Dilletanten sind Sklaven ihrer Einfälle, sie haben ihnen gegenüber keine Souveränität, sie wagen nicht mal, schlecht über sie zu denken! - Freilich kann ein Nicht-Profi das nie auf dem Niveau eines Profis. Aber die Produkte nachlässiger Profis sind oft dilletantischer als die Produkte engagierter Nicht-Profis. Ich höre jedenfalls lieber eine von einem Nicht-Profi gut erfasste und umgesetzte Beethovensonate, auch wenn manches dabei klappert und unrein ist, als die gleiche Sonate, von einem Profi technisch perfekt runtergenudelt oder wie ein Sportstück gespielt. Technische Brillianz kann zur Alibi-Professionalität werden, die Hohlheit und Stumpfsinn verbrämt. Das ist dann professioneller Dilletantismus.) - Natürlich bedarf es einer einfallsreichen Dramaturgie: Mit dem, was Laien schaffen können, stehen ihnen einfach nicht so viele Möglichkeiten zur Verfügung wie einem professionellen Ensemble. Da muß man sinnvolle Beschränkungen finden, kreative Kompromisse und raffinierte Problemlösungen... - Für die Kunst ist "nur" erfordert: Engagement, Kreativität, Beseeltheit und "Geschmack" (im Sinne von: wissen, was geschmacklos ist). Hochleistungssportliches Niveau ist der Kunst natürlich immer hochwillkommen, davon kann sie gar nicht genug kriegen, aber es ist nicht Bedingung ihrer Möglichkeit...

Das gute ist: beim Faust können ganz viele mitspielen und mitmachen! Für Leute, die vielleicht nur mal eine kleine Nebenrolle in einem guten Stück spielen wollen, nur mal ein paar Verse sprechen, hätten wir ganz viel Auswahl... Es könnten mehr als 100 Leute mitspielen, aber mit 30 könnte man es auch schon schaffen (würde natürlich viel anstrengender).

Freilich: Voraussetzung ist die Bereitschaft zu Disziplin und Engagement, die Bereitschaft, an der Rolle zu arbeiten, und das an Prägnanz erreichen zu wollen, was erreichbar ist. Wer einfach nur drauflosspielen will, wäre hier falsch.

Man könnte einen gemeinnützigen Verein gründen und allen finanziellen Einsatz von der Steuer absetzen! Man könnte als gemeinnütziger Verein vielleicht auch "1 Euro"- Jobs beantragen für Arbeitslose, die bei Bühnenarbeiten und Organisation helfen wollen. Und es gäbe mehr als genug zu tun, für Leute, die zwar nicht mitspielen aber sich nützlich machen wollen. (Z.B. gibt es in den zahlreichen Berliner Selbsthilfegruppen von Drogen- und Alkoholabhängigen noch sehr viel ungenutztes Potential an Bereitschaft und Fähigkeit, sich für irgendetwas Sinnvolles einzusetzen - vom langzeitarbeitslosen Tischler bis zur frühberenteten Sekretärin...) - Und falls alle Stricke reißen, führt man eben nur das auf, was man geschafft hat.

Es gibt vielleicht eine gewisse Chance, daß nach dem Schneeballprinzip immer mehr Leute mitmachen wollen, je mehr der Stein ins Rollen kommt... Und Nicht-Profis haben viel Zeit... Und selbst wenn keine Aufführung dabei herauskommen würde: schon allein das Proben macht soviel Spaß und bildet und übt die verschiedensten intellektuellen und menschlichen Kompetenzen, daß man auf jeden Fall auf seine Kosten kommt...

Ich fände es nicht nur toll, sondern auch wichtig, zu zeigen, was wir Bürger aus eigener Kraft vermögen! Und den Profis zu zeigen, daß sie die Kreativität nicht gepachtet haben! Und den Theatern zu zeigen, was für einen ungestillten Bedarf an anspruchsvollem Sprechtheater es gibt, daß die Bürger schon zur Selbsthilfe greifen müssen, um nicht zu verhungern! Und vor allem: daß man das ohne Spirenzchen besser hinkriegt als mit Profi-Regieideen, die zwar ganz toll sind, bloß leider nicht zum Stück passen sondern nur zu der einfallslosen Ergebenheit von Regisseuren in die Originalitätszwänge des zeitgenössischen Theaterbetriebs...  (Gut, aber Nicht-Profis haben da natürlich gut reden, die müssen ja nicht davon leben...)

Also: eine profunde Textkenntnis und ein elaboriertes Verständnis des Dramas bringe ich schon mal mit. (Und vielleicht bin ich da nicht der einzige...) Und ein paar Rollen würde ich natürlich auch spielen, wenn zuwenig mitmachen. Ne Menge habe ich ja schon mal alleine gespielt...

Na, mal an dem Stein wackeln, ob man ihn ins Rollen bringen kann?

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, 09. November 2010 um 16:33 Uhr