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Anmerkungen

Warnhinweis für Freunde der deutschen Sprache

  • Ich bin Anglizismen nicht prinzipiell abgeneigt. Was in die Sprache Eingang gefunden hat, gehört dazu: hat aufgrund der Kontexte seines Auftauchens und seiner Verwendung ganz bestimmte Konnotate und schafft eine ganz bestimmte Atmosphäre.

  • Wie blödsinnig auch immer das Motiv war, das einem Fremdwort Eingang ins Deutsche verschafft hat: ist es erst einmal da, kann man es nutzen, um ganz bestimmte Zusammenhänge, Verwandtschaften, Konstanten deutlich zu machen.

  • Die genutzte Sprache anzugreifen greift zu kurz.

  • Zwar: Die Kritik an den Anglizismen leistet uns einen guten Dienst, indem sie die irrationalen Motive der Entstehung von Anglizismen entlarvt: z.B. Banalitäten einen Mehrwert zu verschaffen. Aber wir werden dieser Motive nicht Herr durch eine Sprachzensur:

  • Die Quelle der blödsinnigen Anglizismen liegt in unserer Wirtschaftsweise, die immer angewiesener wird darauf, Konsumbedürfnisse und Konsumbereitschaft zu erzeugen. Dafür müssen Unsinnigkeiten interessant und Flachpfeifen wichtig gemacht werden, dafür müssen konsummotivierende Zugehörigkeiten geschaffen und identifizierbar gemacht werden. In diesem Zusammenhang entsteht ein Bedarf an „Kult“-Sprache…

  • Der Ansatz der Kritik an der Sprache ist naiv und erinnert an die Ironie, mit der der Strukturkonservatismus den Wertkonservatismus unterläuft, wie z.B. in den 80ziger Jahren: Die Katholiken empörten sich über die Sittenlosigkeit des Kabelfernsehens, doch sie hatten 1983, wie immer, jene „konservative“ Partei gewählt, die die Einführung des Privatfernsehens in Deutschland forciert hatte und vor der Wahl unverblümt damit auf Stimmenfang gegangen war. Die SPD verlor die Wahl – Helmut Schmidt hatte öffentlich über die Einführung eines fernsehfreien Abends nachgedacht, zur Förderung des Familienlebens...


Zusammenhang von Erleben und Denken

Wenn wir etwas erlebt haben, fragen wir uns unwillkürlich, was es ist, das wir da erlebt haben, was das Erlebte über uns selbst, über den Menschen, über andere Menschen, über Beziehungen zwischen Menschen oder über die Welt sagt. Wir versuchen, etwas von dem Gehalt des Erlebnisses mit unserem Bewußtsein, d.h. mit der Sprache zu erfassen, wir versuchen, die Gefühle, die das Erlebnis ausgelöst hat zu artikulieren. Ein unartikuliertes Erlebnis oder Gefühl ist für unser Bewußtsein eine black box: wir wissen nicht, was es uns sagen will. Wir können davon höchstens sagen, daß wir da irgend etwas gespürt haben, wir können sagen: „Wir hatten etwas“ (Wittgenstein). Können wir nicht einmal das sagen, haben wir auch nichts gespürt. Fühlen und Denken sind nicht zu trennen. (Die Philosophie Wittgensteins zeigt, daß wir nicht erst die Neurowissenschaften brauchten (z.B. Damasio) um diesen Zusammenhang zu erkennen.)


Kontraintuitiv

„Kontraintuitiv“ ist ein Begriff aus der Wissenschaftsgeschichte, er bezeichnet Erkenntnisse, die der „Intuition“, die den Alltagserfahrungen und -operationen zugrunde liegt, zuwiderlaufen. So war es für die Intuition mittelalterlicher Menschen nicht zu fassen, daß die Erde keine Scheibe ist. Man dachte: wenn die Erde eine Kugel wäre, müßten die Menschen auf der anderen Seite doch herunterfallen! Zudem sah man ja gar keine Krümmung. Nur Narren konnten behaupten, daß die Erde eine Kugel sei, glaubte man. „Kontraintuitiv“ in der Musik war, keine Melodien mehr zu schreiben sondern mit Hilfe der Zwölftontechnik Musik gleichzeitig horizontal und vertikal zu „konstruieren“. – „Kontraintuitiv“ in der Dramaturgie bedeutet: nicht texttreu zu inszenieren, sondern die „intuitiven“ Formen, mit Texten umzugehen, aufzulösen oder etwas ganz anderes an ihre Stelle zu setzen. Nur fragt sich: was? Und wie kann sich dann noch dem Zuschauer vermitteln, was für ein Sinn die Inszenierung leitet? (Dazu ein Zitat von Joachim Meyerhoff, Zeit-Interview vom 11.12.08: „Ich plädiere überhaupt nicht für texttreues Theater, aber ich will, wenn dekonstruiert wird, den Preis der Zerstörung sehen auf der Bühne. Den Verlust und den Schmerz den es bedeutet, eine alte Form aufzugeben... sonst ist es bloßer Jux.“

 

Exkurs: Theaterkritik

  • Kritik hat die Aufgabe, Sinn und Wahrnehmung für das Gute zu stärken und das Mißverstandene oder Mißverständliche als solches deutlich zu machen, damit das Stück nicht mit seiner Inszenierung verwechselt und verworfen wird. Sie soll Erklärungsmöglichkeiten anbieten, warum etwas befremdet hat, Gefühle des Ungenügens hinterläßt und Abwendung motiviert. Ihr Sinn liegt darin, dem Zuschauer beim Verstehen seiner Erlebnisse des Dargebotenen zu helfen, nicht darin, die Darbietung zu bewerten.

  • Das, was mit einer Sache anzufangen ist, sollte die Kritik erkennen und kenntlich machen, statt etwas schlecht zu machen. Kritik sollte inspirieren, nicht demotivieren…

  • Kritik hat allerdings auch die Aufgabe, das Problematische am Gefallen herausfordernd anzuprangern. Auf den schlechten Geschmack, den etwas zurückläßt (oder zurücklassen müßte) aufmerksam zu machen und verstehbar zu machen, was da schlecht „schmeckt“.

  • Inszenierungsphilosophie ist Wahrnehmungsphilosophie, philosphy of mind: was der Mensch aufnehmen kann und verarbeiten kann; was den Menschen faszinieren kann und was das über ihn aussagt; was Sinn macht und was keinen Sinn macht.

 

Theater und Alkohol, freche Anmerkung eines Suchttherapeuten

Weshalb Sie ins Theater gehen ist ja Ihre Sache und geht mich nichts an. Ich halte es jedoch für Rezeptionsdilletantismus, in der Pause eines anspruchsvollen Theaterstückes alkoholische Getränke zu sich zu nehmen. Alkohol, auch in geringen Mengen, wirkt vor allem auf die Auffassungsfähigkeit, die Erlebnisfähigkeit und die Selbsteinschätzung: Sie kriegen gar nicht mehr mit, was Sie alles nicht mehr mitkriegen! (Denken Sie an W.Buschs Vers: „Einen Menschen namens Meier schiebt man vor des Hauses Tor und man spricht: betrunken sei er – selber kams ihm nicht so vor.“ – Und das gilt für alle Grade der alkoholischen Beeinträchtigung!) – Aber ein Glas Sekt (meist „Gläschen“ genannt) wollen Sie sich nicht nehmen lassen? Gut, so wichtig ist Ihnen also der Alkohol schon, daß Sie sich lieber was von der Vorstellung nehmen lassen… – Probieren Sie doch einfach mal aus, welche textinduzierte Rauschwirkung es gibt, wenn Sie in der Pause keinen Alkohol trinken! Wie gesagt: Wer Alkohol trinkt, beeinträchtig dadurch gerade sein Selbsteinschätzungsvermögen, glaubt, nicht beeinträchtig zu sein, fühlt sich großartig und kriegt gar nicht mehr mit, was er nicht mehr mitkriegt! – 
 
Nein! Suchttherapeuten sind nicht Lust feindlich! Es ist nichts gegen heilige Rituale einzuwenden, bei denen Alkohol die Hauptrolle spielt! Oder auch bloß eine Nebenrolle, egal. Wir weisen nur darauf hin, daß nicht immer alles geht: wer Alkohol trinkt, kann andere Dinge nicht mehr so gut, den Preis bezahlt man nun mal fürs Trinken! Und nur da verpasst oder verpatzt man durchs Trinken nichts, wo´s auf die Fähigkeiten, die dadurch beeinträchtigt werden, nicht ankommt. Beim Erleben, Schaffen, Arbeiten, im Straßenverkehr oder in der Gegenwart von Kindern kommt es aber auf genau solche Fähigkeiten an, die auch schon durch geringe Alkoholmengen beeinträchtigt werden! Alkohol wirkt generell so, daß man tendenziell nichts Neues mehr erkennen und schaffen kann. Wiedererkennen und Routinen abspulen, das geht noch. Freilich: wer begabt ist, sich gut qualifiziert hat und über lange Berufserfahrung verfügt, der hat sehr komplexe Routinen und kann deshalb im Routineablauf mit seinen Routinen oft ungleich mehr bewerkstelligen als ein Anfänger mit Kreativität und Aufmerksamkeit, aber nur im Routineablauf! Für neue und unvorhergesehene Situationen ist er mit zunehmender Alkoholisierung immer weniger tauglich: überall, wo es auf Kreativität und Wachheit ankommt, auf Interaktion, Erleben und Lernen. Doch das Erleben, daß die Routinen noch gut gehen, führt in alkoholseligem Zustand dazu, daß man sich über die eigene Vortrefflichkeit wundert und nicht verstehen kann, warum die andern einen nicht längst für ein Genie halten…

Tun Sie, was Sie wollen. Aber bitte: Wenn Sie im Theater Alkoholisches genossen haben, lassen Sie hinterher Ihr Fahrzeug stehen!!! (Es sei denn, Sie können Promille berechnen und sind sicher, daß sie nach der Vorstellung wieder auf Null sind.)



Allgemeine Inszenierungsprobleme

Die Schauspieler meinen immer, sie müßten viel machen und sie möchten auch viel machen, um zu zeigen, was sie können. Der Gedanke liegt ihnen fern, daß sie gar nichts machen müssen, außer dem Text zu folgen. Die Virtuosität des Interpreten ist „innerlich“: liegt nicht in großen virtuosen Bewegungen und Stimmkünsten sondern in der lebendigen Geste, im lebendigen Tonfall: es geht darum, jeder Textstelle ein mimisch-gestisches Profil zu geben, das eine der Sinnmöglichkeiten, die in ihr liegen, zum Vorschein kommen läßt. Und das ist das künstlerisch wirklich Herausfordernde, dafür muß man Text und Rolle völlig verinnerlicht haben.

Die Inszenierung sollte nicht wie ein Gedicht sein, daß in so kunstvoll verschnörkelter Schrift geschrieben ist, daß man alle Aufmerksamkeit braucht, um es zu entziffern und von seinem Gehalt kaum noch etwas mitkriegt. Alles, was die Verständlichkeit und die Entfaltung der Textbedeutung stört, stört, und wird höchstens von Rezeptionsdilletanten beklatscht. Dazu kann ein zu opulentes Bühnenbild genauso gehören wie eine sportliche Bewegungseinlage oder eine aufdringliche Bühnenmusik. Auch Nachlässigkeit führt zu einer Verflachung des Texterlebens. Mephisto z.B. ist als edler Junker bei Frau Schwertlein. Taucht er dort in den gleichen Schlabberklamotten auf, die er in Fausts staubigem Studierzimmer getragen hat, wird er auf sie kaum den Eindruck machen, den er braucht. Es kommt darauf an, in der Inszenierung die Unterschiede zu beschaffen, die der Text setzt. Wie man das macht, ist egal. Will man unbedingt minimalistisch sein, gut, so sei man es: man lasse ihm die Schlabberklamotten an, doch schon eine gute Kravatte wird die Situation verbessern. Aber es stört den Text, wenn er Vorgaben macht, die dann im Bühnengeschehen nicht Ausdruck finden. Das nivelliert Bedeutungsdimensionen des Texts. Natürlich kann man auch aus solchen Störungen Kunst machen. Aber dann soll man das auch tun! Und nicht konzeptionslos zwischen Regietheater und Sprechtheater changieren nach Maßgaben, die mit Kunst nichts zu tun haben sondern nur mit Schlamperei, Einfallslosigkeit, Effekthascherei und Eigendünkel.

Alles geht, doch nur Weniges gut.

 

Stand der Dinge bezüglich meiner Einstellung zum „Regietheater“: eine polemische Vermutung

Einverstanden: es gibt kein Regietheater. Was es gibt ist: „ästhetische Autonomie“: die Inszenierung soll kein Kunstwerk darbieten sondern selbst ein Kunstwerk sein. – Ach Gottchen, heute muß jeder selber Kunst machen, zu Allem seinen intellektuellen oder künstlerischen Senf dazutun! – Als Zuschauer denk ich da oft: „Ist denen nicht klar, daß sich niemand für ihren Senf interessiert?“ Regisseure, lasst es euch gesagt sein: Wir wollen Euren Senf nicht! Wir wollen ein Stück sehen und uns selber eine Meinung dazu bilden, welchen Bestand heute die Formen und Ideen dieses Stücks noch haben können! Wir akzeptieren Eure Bevormundung nicht mehr! Wir wollen selber entscheiden, was in die Soße kommt! Wir haben keinen Bock mehr darauf, wenn wir ins Theater gehen, Euch dabei zusehen zu müssen, wie Ihr Euch produziert und Euch ganz toll dabei findet! Wollt Ihr Künstler sein, gut, werdet es, macht Eure eigene Kunst, aber spuckt nicht in andere!

Doch Spaß bei Seite. Die Wissenschaft kennt den „context of discovery“ und den „context of justification“, Genesis und Geltung einer Idee. Bei der Entdeckung ist alles erlaubt, bei der Rechtfertigung gewinnt nur, wer ans Ziel kommt. – Wieso jemand für „Regietheater“ oder für „Werktreue“ motiviert ist, ist egal, es kommt darauf an, was eine Inszenierung „bringt“. – Also: Ob nun die „Alten“ (Stein, Peymann) bloß das Regietheater zu diskreditieren versuchen, weil sie davon „abgehängt“ worden sind und an ihre Pfründe zurückwollen oder ob das Regietheater bloß ein Balzverhalten narzistischer und/oder einfallsloser Regisseure ist, die ihre Einfallslosigkeit kaschieren wollen, die Aufmerksamkeit erregen wollen, die provozieren wollen um zu zeigen, wie schön autonom und nonkonform sie sind, die gegen ihre bildungsbürgerlichen Eltern rebellieren wollen, weil sie in der Pubertät stecken geblieben sind, die zeigen wollen, wie toll kreativ oder desillusioniert sie sind oder wie toll sie alles besser wissen: die Motive sind völlig egal, die Unreife eines Motivs muß nicht unbedingt zu einer Unreife des von ihm Geschaffenen führen.

Die Fragen um die es geht sind: Was will jemand machen, das Thema eines Textes exponieren oder über diesen Text reflektieren? Oder den Text nur als Material für etwas ganz anderes benutzen? Ist ja im Prinzip alles sinnvoll. Aber wenn der Text nicht „werktreu“ dargeboten wird, was tritt dann an die Stelle des „Originals“? Es ist immer die Frage, ob durch die „Freiheiten“, die „ästhetische Autonomie“ wirklich etwas entsteht, was der Aufmerksamkeit lohnt! Ist es wirklich ausgeschlossen, daß eine provinzielle Stadttheaterinszenierung von Faust 1 Zuschauern ungleich mehr vermittelt, als eine aufwändige, metropolitische, furchtbar reflektierte und dekonstruierte Inszenierung, die dem Zuschauer zugleich auch das ganze Magisterstudium des Regisseurs überbrät? – „Ästhetische Autonomie“ muß sich immer die Frage stellen: wozu? Kommt dabei ästhetisch wirklich mehr herum, als wenn man treudoof bloß den Text mit Leben erfüllt? Denn was man dem Erleben des Textgehaltes wegnimmt durch die „ästhetische Autonomie“ ist vielleicht mehr, als der Inszenierung durch die Autonomie wieder hinzugefügt wird…

Um es frei nach J.P.Hebel zu sagen: Nur weil man mit allen möglichen Mitteln große Kunst schaffen kann, kann man es auch mit den Mitteln „ästhetischer Autonomie“ also nur deshalb, weil es prinzipiell möglich ist! Ob es wahrscheinlich ist, ist die andere Frage. Ich fürchte, daß der Gehalt einer „ästhetisch autonomen“ Inszenierung hinter dem Gehalt einer werktreuen Inszenierung in den allermeisten Fällen zurückbleibt. Und die Frage ist: warum versucht man sich an einer Kunstform, mit der nur so schwer etwas Brauchbares zu leisten ist? – Das Zauberwort ist: Autonomie. Selbstverwirklichung. Balzverhalten. Narzismus. Wichtigtuerei. Besserwisserei. Die Motive zu „ästhetischer Autonomie“ sind einfach ungeheuer stark und in unserer heutigen Kultur völlig entfesselt. Die Stärke narzistischer Motive verbiegt die Selbsteinschätzungsfähigkeit: Man will eben lieber sich selbst produzieren und schön kreativ rumspielen statt einem fremden Kunstwerk dienen. Deshalb wird das Treiben mit dem Begriff „ästhetischer Autonomie“ rationalisiert, vor sich und vor andern. – Einem Teil der Zuschauerschaft kommt das entgegen: es ist einfacher, viele bunte Bilder zu sehen und einem Feuerwerk von Reizen exponiert zu werden, als sich in ein intellektuell anspruchsvolles Stück zu vertiefen. Und wenn man mit dem 5 MinutenFaust, der wegen seiner provozierenden Streichfassung schon an sich besser sein soll als der in 20 Stunden, auch noch Dekonstruktionsspektakel kostenlos dazu bekommt, na, wer wollte da „Nein“ sagen! Hinterher kennt man nicht nur den „Faust“ sondern man weiß auch, was man heute davon zu halten hat. Und man braucht nicht die ganzen geflügelten Worte wieder zu hören. (Warum ist eigentlich noch kein Dirigent auf die Idee gekommen, die ersten Takte von Beethovens 5. vom Publikum skandieren zu lassen…?) - (Nein, ich widerspreche mir hier nicht! Ich bewerte hier nichts aus seinen Motiven sondern versuche mir nur die Frage zu beantworten, warum die Regisseure das Unergiebige vorziehen obwohl doch selbst der durchschnittlichste Mensch lernen kann, ein Stück auf brauchbarem Niveau zu inszenieren! Statt die Apfelsine zu schälen und aufzuessen, drücken sie einen Strohhalm hinein und Saugen daran herum.)

Ich verstehe eins nicht: der Kreativität und Virtuosität in der „werktreuen“ Inszenierung eines klassischen Stücks sind doch keine Grenzen gesetzt! Da tut sich ein unendlicher künstlerischer Möglichkeitsraum auf! Z.B. Mephisto laut Goethes Regieanweisung den Helenaakt im Epilog kommentieren zu lassen. – In der Musik gibt es auskomponierte „Kadenzen“, auf die Solisten zurückgreifen können, die in der „Kadenz“, den in Instrumentalkonzerten ursprünglich zur Improvisation freigegebenen Stellen, nichts dem Zufall überlassen wollen. – Dieser Epilog ist so etwas wie eine Kadenz. Komisch, daß von all den selbstverwirklichungsfreudigen Regisseuren noch keiner auf die Idee gekommen ist, hier mal zu zeigen, was sie können! Hier einen Text zu schreiben, der dem Zweck entspricht: anknüpft in Inhalt und Form und mit wenigen Worten Zusammenhänge stiftet, Verständnis erleichtert, die Entfaltung des Erlebens fördert! Um so einen Text zu schreiben kann man gar nicht genug Witz, Sprachfertigkeit, Durchblick, Kreativität haben! Aber da hat sich von den „ästhetisch Autonomen“ offenbar noch keiner rangetraut! Einmal mehr kommt der Verdacht auf, daß es sich bei dieser „Autonomie“ in der Regel um eine Rationalisierung des eigenen Kneifens vor der Herausforderung handelt. Brecht lesen: Einschüchterung durch Klassizität!

(Ich hatte bisher alle Hände voll mit dem "Faust" zu tun und schätze daher vielleicht die Möglichkeiten der Kunstform "Regietheater" noch falsch ein. Ich bin gespannt, welche Antworten ich auf meine Vermutungen und Fragen im Laufe der Zeit bekomme und was ich hier vielleicht in einigen Jahren darüber schreiben werde...)

 

Zuletzt aktualisiert am Freitag, 03. Februar 2012 um 15:26 Uhr