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Übersicht: - Stehmann-Inszenierung von Faust 1 + 2 am Thalia-Theater Hamburg, Premiere 30.09.2011 - Thalheimer-Inszenierung von Faust 1 + 2 in der laufenden Spielzeit am Deutschen Theater Berlin - "Goethes Faust", Schauspielsolo mit Haydar Zorlu Der Stemann-Inszenierung des „Faust“ zum Geleit. Ein „postdramatischer Rat“ im Altenheim, ein Lehrer, der schwäbelnd Fragen stellt, TV-Debatte zweier bildungshuberischer Goethe-Kenner, Goethe als Frau, Rap, Rock, Musical und vieles mehr: Was ich von der Inszenierung lese, klingt nach Sammelsurium, nach Zirkus. Jedes mediale und musikalische Inszenierungsereignis hat offenbar seinen ästhetischen Eigenwert aber keines korrespondiert formal mit einem anderen – eben wie im Zirkus die einzelnen Nummern auch nicht miteinander korrespondieren. - Es scheint mir wie: eine Melodie mit Harmonien zu begleiten, die jeweils nur zu dem Ton passen, mit dem sie erklingen, die aber untereinander völlig unverbunden sind. Das könnte man analog des Sammelsuriums von Ideen und Assoziationen auffassen, die unseren Bewußtseinsstrom ausmachen.
Welche Nachteile sind bei einer solchen Inszenierung zu erwarten? - Die Gefahr eines solchen „Zirkus“ von Einfällen ist immer: daß nichts von dem Gehalt des Textes und seinen Zusammenhängen wirklich deutlich wird und zur Klarheit kommt, weil in einer solchen Flut heterogener Bilder und Reize einfach keine Konzentration, keine Besinnung mehr möglich ist.
Welche ästhetischen Fragen stellen sich? Ob es nur kompliziert ist oder schon komplex: beschränkt sich Stemann nur darauf, zu jedem Textereignis „kreative“ Inszenierungsideen auszuspielen oder zeichnet sich in der Inszenierung eine Einheit ab oder sogar eine Ordnung? – Es könnte ja z.B. eine ganz indirekte Einheit sein, die erst über das Nacherleben zu Bewusstsein kommt, z.B. wenn im Nachhinein auffällt, daß jedes Ereignis auf der Bühne deutlich von einem bestimmten „Geist“ geprägt war, z.B. einem Geist postmoderner Humanität oder was immer. – Natürlich muß es Einheit und Ordnung in einem Kunstwerk nicht geben. Dann wäre die Frage: ist das eine Botschaft, eine bewusste künstlerische Entscheidung und handelt es sich um eine Art Kunst, die darauf keinen Wert legt? Und wenn ja: Legt sie darauf keinen Wert, weil sie diesen Wert aus prinzipiellen Erwägungen ablehnt oder weil sie den Wert der Möglichkeiten und Freiheiten, die durch Ordnung ermöglicht werden, noch nicht entdeckt hat? (Vielleicht aber auch, weil sie einfach bloß zu faul oder zu naiv oder durch Intellektualitäts- und Orginalitätshuberei zu verblendet ist?)
„Faust“, vor allem der 2. Teil, scheint selbst ein Sammelsurium. Aber es ist ein komplexes Stück, so komplex, daß seine Geburtswehen das ganze Leben seines Autors währten. Es gibt im Text „innere“ Stringenzen, die verschiedene übergreifende Sinneinheiten und Formprinzipien miteinander zu einer Ordnung verflechten: Ein Einheitsstiftendes Formprinzip ist z.B. die Verwendung des mythischen Materials, vom Prolog im Himmel über die Walpurgisnächte bis zum Epilog. Diese Einheit lebt von der Spannung zwischen den Gegensätzen der „heiteren“ und „düsteren“ Sünden, der antiken und der mittelalterlichen Weltvorstellungen und -einstellungen. Sie bilden sozusagen das „Unbewußte“ als Hinter- oder Untergrund, auf dem sich die Tragödien des Strebens nach Sex, Macht und Geld abheben. Sie bilden andererseits den Rahmen in dem es um die innere Konflikthaftigkeit des Menschen zwischen egozentrischer Aggression (Mephisto) und sozialer Intelligenz (Mater Gloriosa) geht. Die Frage ist, ob Stemanns Inszenierung mit ihrem Sammelsuriums-Konzept diese Komplexität deutlich machen will (und kann) oder ob es ihm darum gar nicht geht – und wenn’s ihm nicht darum geht: welchen Sinn es hat, die Strukturen und Zusammenhänge des Textes ganz dem Text selbst zu überlassen und dem Text nicht im mindesten dabei zu helfen, sie zu exponieren – es wäre gewissermaßen wie ein Künstler, der seine Skulptur in einem fahlen Streulicht darbietet, statt durch Beleuchtungseffekte ihre Profile zum Vorschein kommen zu lassen.
Verdächtig an Stemanns Inszenierung ist mir: Man muß offenbar viel Tam-Tam und Brimborium machen, damit etwas als neu gilt und nicht als konventionell. - Verdächtig auch: Das Exzessive: 8 Stunden Text verteilt auf 6 Schauspieler. - Verdächtig nicht zuletzt: Alles So-Noch-Nicht-Gemachte, wie z.B. den Text von den Rollen abzulösen und alle alles spielen zu lassen. Ist das wirklich eine Entscheidung, die künstlerisch sinnvoll ist, oder die Frucht einer simplen „Was-Hat-Noch-Keiner-Gemacht“-Heuristik? - Es entsteht der Verdacht, daß auch Stemann das Unkonventionelle und Unredundante mit dem Ungewohnten verwechselt. Ich muß gestehen, daß das meine Vorurteile gegen die bisherigen "kontraintuitiven" Inszenierungskonzepte nährt: Ich vermute darin noch zu viel Originalitätshuberei, selbstverliebte Bürgerschreck-Arroganz, und zuviel Narzismus des Kontraintuitiven, des Möchte-Gern-Desillusionierten und sich „Post“-Irgendwas-Wähnenden. - Aber das ist ein Vorurteil, das Stemann vielleicht Unrecht tut (vielleicht aber auch nicht...).
Nach wie vor denke ich, daß die Kunstform, für die Stemann sich einsetzt, noch eine sehr junge, naive Kunst ist, die sich der Potentiale ihrer Freiheit noch nicht bewusst ist sondern im Vordergründigen herumspielt – ähnlich wie eine naive Emanzipation der Dissonanz in der Musik, wie sie z.B. der junge Hindemith pflegte, ziemlich volksmusikhaft anmutet, wenn man sie mit dem Spätwerk Weberns oder Strawinskys vergleicht. Alexander Sokurov: Faust In einem traditionellen Film würde man das für diletantisch halten: lauter Handlungen, die man eigentlich auch weglassen könnte, Zeitfüller. Oft denke ich: nun kommt doch endlich zur Sache! Ein entnervend-redundantes, minimalistisches, oft slapstickhaftes Kreisen um einen Handlungszweck. Aber es ist so absurd redundant, daß man nach einiger Zeit erkennt: Die Absurdität hat System.
Die Bilder und die Filmmusik lassen einen düster-romantischen Film erwarten, aber sie sind die Kulisse zu einem absurden Theaterstück alla Beckett, das man nicht mit solchen Bildern und solcher Musik ausstatten würde. Das führt den Zuschauer anfangs in die Irre, weil es die falschen Erwartungen weckt und unerträglichen Dilletantismus vermuten läßt. (Mein erster Gedanke war: „Was ist denn das fürn Scheiß“.) Die Musik changiert unentschlossen irgendwo zwischen Mendelsohn und Wagner. Öfter wirkt sie merkwürdig beziehungslos zum Film und stört.
Unnötige Wortwechsel und Handlungen reihen sich aneinander und in diesem absurden Schnörkelwerk zeichnet sich allmählich eine Geschichte ab. Die Figuren wirken genauso merkwürdig beziehungslos zueinander, wie die läppische Erzählweise zu den beindruckenden, beklemmenden Bildern und der trotz klassizistischem Wohlklang streckenweise merkwürdig „unschönen“, teils aber auch ostentativ wagnerisch-sehnsüchtigen Filmmusik. Die Bildsprache ist so stark, daß man sich wünscht, den Ton abzustellen und nur zu schauen. Das Gerede und Getue stört und nervt.
Ein Beispiel: Fausts Dienerin schüttet ungefragt so heißes Wasser in sein Fußbad, daß es ihn schmerzt. Eigentlich ein völlig unnötiger Handlungsschnörkel. Die ganze Fußbadszene und die Figur der Dienerin sind völlig unnötig und man hätte sie in jedem traditionellen Film der Stringenz wegen weggelassen – zumal sie im Original ja auch nicht vorkommen. Aber Sokurofs Botschaft scheint zu sein: „Seht, wie unser Leben sich im Unnötigen zerfasert, wenn man eine Einstellung hat wie Faust.“ (Denn ein Zen-Buddhist beispielsweise würde über das Unnötige ganz anders denken.)
Es kommt der Eindruck einer gewissen Monotonie auf, ich denke, das ist ein wahrnehmungspsychologisches Phänomen, weil sich der Moment des Absurden, Willkürlichen, Beziehungslosen und Redundanten als auffälligstes Stilmittel in den Vordergrund drängt. Die Handlung des Films „wirkt“ nicht, vermittelt nichts, weil viele der Handlungen aufgrund ihrer Absurdität so willkürlich sind, daß sie auch ganz andere sein könnten - viele, aber nicht alle, und manchmal sind an einer Handlung nötige und absurde Aspekte ineinander verwoben. Das macht das Zusehen so anstrengend: man muß ständig das Notwendige aus dem Unnötigen herausfiltern. Das Redundante schluckt systematisch die Bedeutung dessen, was eigentlich vor sich geht, verstellt den Blick auf das, was da eigentlich abläuft und scheint daher selbst eine Dimension des Eigentlichen zu sein.
Die Pointen bezüglich der literarischen Vorlage erschließen sich nur dem, der sich mit ihr genau auskennt. Es werden Zitate in den Film eingestreut, die immer passen, aber im Original ganz anders verwendet wurden. So fragt Mephisto bezüglich des hungerleidenden Faust: „Hat so ein Hungermann Humor?“ Im Original wird aber Mephisto mit diesen Spruch verunglimpft, als er im Mummenschanz als Geiz verkleidet über die Verschwendungssucht der Frauen schimpft. Aber das scheinen Spielereien zu sein, auf die es dem Film nicht ankommt.
Das ganze wirkt so, als ob da jemand eine Faustaufführung gesehen hätte und nachts davon träumt, wirr und zermürbend. Sokurof scheint einen Bogen zu spannen zwischen Goethe und Kafka und noch weiter zu Beckett. - Einzelne Handlungs- und Redesequenzen könnte man symbolistisch deuten. Aber das scheint nicht die Hauptintention des Films zu sein.
Mit Sokurovs Film geht es wie mit allem Neuen in der Kunst: Der Film spricht eine neue Filmsprache, eine die ich noch nicht beherrsche und auf Anhieb nicht verstehe. Daher weiß ich auch nicht, wovon sie redet und kann sie nur von außen beschreiben. Den Zusammenhang, den Sokurof hier aufzeigen will zwischen Faust, Stalin und Hitler, vermittelt sich mir deshalb nicht. Das Faustische, um das es inhaltlich geht, wird durch die Form des Absurden so völlig zerstreut, daß man den Eindruck hat, daß nur zufällig der „Faust“ als Vorlage gewählt worden sei und die Filmaussage nicht wesentlich anders wäre, hätte es völlig andere Hauptfiguren oder auch überhaupt keine gegeben. - Aber dennoch läßt mich der Film erahnen, was das sein könnte: eine moderne autonome Film-Kunst.
Faust 1: Thalheimer-Inszenierung am Deutschen Theater BerlinDie gleiche Inszenierung von vor Jahren steht wieder auf dem Programm. Besser als gar kein Faust. Meine Analyse zu dieser Inszenierung kann hier erklickt werden: Thalheimer-Inszenierung. Goethes Faust, Ein Schauspielsolo mit Haydar Zorlu Ein Faust für Einsteiger: Haydar Zorlu erzählt das Drama sehr verspielt und sehr frei, aber ohne daraus eine Blödelfassung zu machen. Die Freiheiten in der Textbehandlung und der Dramaturgie stehen im Dienste der Verständlichkeit: Goethes sprachliche Virtuosität überfordert den Zuschauer oft, vor allem Zuschauer ohne Vorkenntnisse. Hier schafft Zorlus Darbietung Abhilfe, in dem der Originaltext stellenweise aufgelockert und durch Kommentare ergänzt wird. Die Freiheiten in der Dramaturgie schließen die Brüche, die Goethe für uns „zu supplieren“ übriggelassen hat und die den Zuschauer, vor allem, wenn er sich unvorbereitet mit dem Stück befasst, öfter rätseln lassen, was eigentlich vorgegangen ist – so z.B. bei Fausts Rückzug ins Gebirge. Hier kommt im „Faust-Solo“ uns der Erzähler zu Hilfe. Für „erfahrene“ Faust-Zuschauer sind die Freiheiten der Textfassung und der Dramaturgie natürlich sehr ungewohnt. Es darf einem das Original nicht zu heilig sein, wenn man sich diese Darbietung anschauen will. Die Abwandlungen der Verse „passen“ aber zu dem unprätentiösen, erzählerischen Stil der Darbietung: Zorlu erzählt das Drama so, wie man es am Lagerfeuer Leuten erzählen würde, die noch nie von der Dichtung gehört haben. Dabei zieht er alle Register schauspielerischen Könnens. Im Einzelnen könnte man natürlich einiges kritisch anmerken: z.B. ob man dem Pudel wirklich so viel Raum geben muß und ob es in diesem Rahmen unbedingt nötig ist, daß der Erzähler uns über so viele Einzelheiten des Originals informiert. Im Ganzen kommt aber ein ganzer „Faust“ dabei heraus… Aktuelle Termine und mehr Informationen finden Sie unter: Faust-Solo
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